In dem ersten Haus von Verecky, in das mich Rosen führt, wohnt eine Frau mit sechs Kindern. Zwei leiden an Rachitis. Vier haben nichts weiter an als ein Hemd. Andere Kleidungsstücke besitzen sie nicht. In diesem Raum steht nicht einmal ein Bett, die gesamte Familie schläft auf dem Fußboden; auf Lumpen. In einer Ecke liegt ein ungefähr fünfjähriges Mädelchen, das sich an eine magere Ziege anpreẞt.
,, Seit über drei Monaten haben wir nichts anderes mehr gegessen als Buchweizen oder Kartoffeln."
,, Bekommen die Kinder Milch?"
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,, Unsere Ziege gibt schon wochenlang keine Milch mehr. Wir haben nicht genügend Futter für sie."
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, Wo ist Ihr Mann?"
,, Der konnte das Elend hier nicht mehr mit ansehen und ist nach Amerika ausgewandert. Seit eineinhalb Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört. Rosen hat beim amerikanischen Konsulat in Prag Erkundigungen eingeholt, aber da ist seine Adresse auch nicht bekannt. Er wird wohl arbeitslos sein..."
In einem Holzschuppen der Synagoge wohnt eine Familie mit sieben Kindern. Drei von ihnen zeigen deutliche Spuren von Hungerödemen.
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.., Wir haben schon seit Jahren kein Fleisch mehr gegessen. ,, Und Brot?"
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,, Brot is a seltene Sach, Herr! Nur an den hohen Feiertagen." Auch hier: Kartoffeln oder Buchweizen, kein Zucker, kein Salz, kein Petroleum, keine Milch.
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, Was verdient hier der Rabbi?"
,, Fünfzig Mark im Monat, Herr. Er hat auch sieben Kinder." Plötzlich nimmt die Mutter einen kleinen, etwa sechsjährigen Jungen bei der Hand. Ein mageres, unterernährtes Kind mit großen, fragenden Augen, das nur ein schmutziges Hemdchen an hat. ,, Erzähle dem holländischen Herrn, was du später werden willst, Chajim", sagt sie und schiebt ihn mir zu. Und in all diesem Elend, inmitten dieser schreienden Armut sagt dieser Knabe stolz und ohne Zögern:
,, E jiddische Minister in Palästina, Herr."
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