Sein Nachbar ist Buchbinder , seit Jahren ohne Arbeit. Wer hat in Wolowoje noch Geld, um seine heiligen Bücher neu binden zu lassen? Seine Frau ist vor drei Monaten an Flecktyphus gestorben. Vierzehn Tage später auch drei seiner Kinder. Nun hat er noch fünf. Eine Nachbarin hilft ihm dann und wann einmal, aber ihnen etwas zu essen geben, kann sie auch nicht. Auf meine Fragen gibt er dieselben Antworten wie der Tischler und der Schuster.
Neben ihm wohnt ein Bäcker. Mann, Frau und neun Kinder, alle in der Bäckerei. Ein anderer Raum ist nicht vorhanden. ,, Wer kauft hier Brot?"
,, Beinahe ausschließlich die tschechischen Beamten, mein Herr." ,, Und die anderen?"
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,, Nur zu Ostern und Weihnachten. Drei Familien aus Wolowoje kaufen noch manchmal für den Sonntag etwas Brot, aber eigentlich backe ich nur für die Tschechen."
Alle diese Menschen könnten, berichtete mir Sterenbach, zur Not mit zweihundert Tschechenkronen pro Monat auskommen, dann würden sie nicht so zu hungern brauchen, aber kaum einer in Wolowoje verdient so viel. Die meisten Familien müssen von dreißig bis vierzig Kronen leben.
,, Wird hier viel gestohlen?"
,, Bei wem soll man stehlen? Niemand besitzt etwas, das sich zu stehlen lohnte! Und um zu betteln, muß man erst ungefähr hundert Kilometer laufen, denn hier in dieser Gegend hat ja keiner was."
Ein Serpentinenweg führt bergauf nach Verecky. Die Autofahrt kostet fünfzig Kronen. Bettelnde Frauen und Kinder, die das Auto ankommen sehen, rennen uns entgegen. Hier soll mich der Kaufmann des Dorfes umherführen, für den ich einen Empfehlungsbrief mit habe.
Das ganze Dorf hat bei Kaufmann Rosen Schulden. Fast niemand bezahlt. Hin und wieder gehen ein paar Kronen ein. Er gibt soviel und solange Kredit, wie er nur kann. Er selbst hat zwar zu essen, aber auch sein Leben ist hundertmal ärmlicher, schwerer und schlechter als das eines Kaufmannes in den ärmsten Straßen von Whitechapel oder im Berliner Norden.
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