3. November
Nicolai brachte mir heute wieder triumphierend seine neueste Beute: zwei französische Bücher, die er in Stube 2 unter dem Strohsack eines Toten gefunden hat. Einen Band Racine und eine Gedichtsammlung von de Nerval mit einer ausführlichen Einleitung, in der ich den ganzen Nachmittag gelesen habe. De Nerval hat mich schon immer interessiert. Eine besonders saubere Persönlichkeit, und außerdem kannte er auch die deutschen Klassiker so gut. Mit knapp zwanzig Jahren veröffentlichte er bereits seine, von Goethe sehr gelobte Übersetzung des Faust I , und kaum zwei Jahre danach die ,, Poésies allemandes", Übersetzungen von Schiller, Goethe, Klopstock und Bürger. Später auch noch die eines großen Fragmentes aus Faust II und viele Gedichte von Heine. Nach dem Kriege möchte ich doch noch gründlich untersuchen und aufspüren, mit wem de Nerval auf seinen vielen Reisen in Deutsch land persönlich in Berührung gekommen ist. Seine ,, Souvenirs d'Allemagne" dürften hierfür wertvolle Fingerzeige enthalten. Heine wird er wohl in Paris gesehen und gesprochen haben. Auch in unserem Lande ist er einige Male gewesen, aber leider kenne ich seine Reiseberichte hierüber nicht. ,, L'Imagier de Haarlem", das 1851 in Paris aufgeführt wurde- ein Resultat dieser Besuche?
Die Einleitung zu dem Gedichtbändchen bestärkt mich immer mehr in der Überzeugung, daß ein sorgfältiges Studium der Werke de Nervals zu bemerkenswerten Entdeckungen führen kann. Hoffentlich werde ich noch einmal die Möglichkeit dazu haben.
5. November
Der Holzhändler aus Wolowoje liegt nun im Nebenbett. Wir sprachen den ganzen Vormittag von seinem Dorf, in dem ich, vor mehr als zwölf Jahren, ein paar Tage zugebracht habe. K. fragte mich, wo das denn eigentlich liege, und wie ich dort hingekommen sei.
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