Darauf habe ich ihm von Karpato- Rußland erzählt, von diesem entlegenen, vergessenen Winkel der Tschechoslowakei , in dem viele Jahre lang Hunger und Hungersnot herrschten, daß ich dorthingefahren bin, um durch eine große Reportage die Aufmerksamkeit auf die dortigen Zustände zu lenken und die öffentliche Meinung zu alarmieren doch daß man mir damals nicht glauben wollte.
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Das einzige ,, Resultat" war, daß ich auf Grund dieser Reportage die Tschechoslowakei nicht mehr betreten durfte. Ich hatte heute mittag stark den Eindruck, daß auch K. mir nicht ganz glaubte, als ich ihm sagte, daß jene Gegend durch eine nach dem vorigen Krieg erfolgte- verbrecherische Grenzregulierung, eigentlich einem großen Konzentrationslager ähnelte, wo zu Hunderten Fälle von genau wie hier Hungerödemen vorkamen; wo die Bewohner jahrelang genau wie wir hier Brot kaum zu sehen bekamen und von Kohlsuppen und verdorbenen Kartoffeln leben mußten; und wo genau wie hier- jährlich Hunderte von Typhuserkrankungen zu verzeichnen waren. Und das noch keine sechs Stunden Eisenbahnfahrt von Wien entfernt! Er konnte es einfach nicht begreifen, daß vor dem Kriege mitten in Europa eine solche Hungersnot geherrscht hat, ohne daß er davon in irgendeiner Zeitung etwas gelesen haben sollte! Ich habe ihm nochmals feierlichst versichern müssen, daß ich selber dort gewesen bin, und ihm dann noch gesagt, daß ich später, wenn ich einmal meine Lageraufzeichnungen ausarbeiten werde, ein Fragment aus meiner alten Reportage übernehmen und nochmals veröffentlichen will. Es wird nämlich gut und nötig sein, ihn und viele andere daran zu erinnern, daß auch nicht alles restlos ,, gut" war, in der sogenannten ,, guten, alten Zeit" vor dem Kriege!
6. November
Immer wenn ich mit K. debattiere, muß ich an die Broschüre von Minister van Kleffens denken, die ich kurz vor meiner Verhaftung las. Darin ist dasselbe Nichts- begreifen- Wollen
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