Bleistiftstrich, schlug das Buch zu, ging zu seinem Schränkchen, nahm ein Stück Brot heraus und gab es dem Unzu unterhalten. Dann garn, ohne sich weiter mit ihm setzte er seine Lektüre fort bis der zweite Kandidat erschien: Der Pole, der gestern an der Schulter operiert worden ist. Wieder war Dr. A. sehr höflich, und dasselbe Spiel begann: Das Strichchen mit dem Bleistift, das Zuklappen des Buches, der Weg nach dem Schränkchen... und so weiter.
Eine Viertelstunde später war die ,, Mittagsruhe" vorbei. Dr. A. legte seine Kirchengeschichte unter sein Kopfkissen, warf noch einen kurzen Blick auf die Abbildung des Münsters und ging in die Schreibstube- ebenso würdevoll, als ob er in Freiburg zu seiner Bibliothek ginge!
23. September
Als ich heute mit Heini sprach, fiel zufällig der Name Gustav Landauer . Dabei stellte es sich heraus, daß Heini ihn gut gekannt hat und auch heute noch eine tiefe Verehrung für ihn hegt, was ich übrigens gut begreife.
,, Von Landauer habe ich viel gelernt, wovon ich jetzt noch zehre", sagte er ,,, das habe ich besonders deutlich während meiner sechs Zuchthausjahre empfunden. Ich wüßte niemand anders zu nennen, der mir soviel gegeben hat."
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Dieses Gespräch bestätigte mir aufs neue, ein wie großes Unbereits vor 1933 in recht es ist, daß Landauers Name keiner deutschen Literaturgeschichte zu finden war, daß sein Werk so unbekannt blieb- auch bei uns. Sein Buch über Shakespeare, seine Essays über Meister Eckhart , über E. A. Poe, Kleist und so weiter, verdienen doch bestimmt genannt zu werden. Landauer war aber... Sozialist, ein hinreichender Grund für die offiziellen Herren Literarprofessoren, um sein Werk zu unterdrücken und in Vergessenheit geraten zu lassen. Hier gilt es, später ein großes Unrecht wiedergut
zumachen.
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