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Das eiserne Tor : Gedichte / Franz Heitgres
Entstehung
Seite
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Ach, der Lobelia bläulicher Schimmer,

Was soll die Männertreu hier denn erflehn? Lockt uns auch draußen das Weibliche immer, Hier muß die Treue doch weiter bestehn.

Will sie mit Hohn und mit Spott gar verkünden, Daß sie nur hier steht am richtigen Ort,

Daß man sie draußen wohl nirgends kann binden, Weil sie nicht findet den häuslichen Hort?

Wem gilt das Ehrenpreis hier in dem Kreise? Hat man den richtigen Platz ihm erkürt? Winken dem schlimmsten der Sünder die Preise, Weil er sich ordentlich hatte geführt?

Nein, diese Blume gilt anderen Seelen,

Denen bewußt ist die einzige Schuld,

Auch eine eigene Meinung zu wählen,

Ihnen bereitet sie ehrende Huld.

Doch voller Trotz steht inmitten des Fleckens Die gelbe Primel in leuchtender Pracht,

Blume des Schlüssels, Symbol'allen Schreckens, Zeichen für unseres Türschließers Macht.

Zu allen Zeiten, am Abend und Morgen,

Hat hier der Schlüssel regiernde Gewalt,

Denn er verschließt in den Zellen die Sorgen, Bietet dem Freiheitsdrang endgültig Halt.

So können Blumen im Hof zu mir sprechen, Alles hat hier den besonderen Sinn.

Ich aber möchte die Tore erbrechen,

Kann es nicht länger ertragen hier drin.

Will mit dem Frühling die Felder durchwandern, Steigen auf Berge, auf felsigen Stein,

Habe den sehnenden Wunsch wie die andern: Doch auch ein Mensch einmal wieder zu sein!

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