DEM UNBEKANNTEN
GEFANGENEN
Vergeßt den Unbekannten nicht, "Der hier im Kerker litt,
Vergeßt ihn nicht! Und schaust du auf die Kerkermauer Und siehst das Kreuz der Gitterstäbe, Du spürst den Hauch der argen Zeit. Gedenk der harten Sorgen, die dich selber plagten, Bedenk, wo blieb so mancher deiner Kameraden, So weißt auch du dann um das Leid des Unbekannten, Hier standen Frauen, die nach ihren Männern fragten, Hier weinten Kinder, die um ihre Mutter baten, Und Freunde suchten Freunde unter den Verbannten.
O Mensch, vergiß es nicht, Wie Ketten starke Herzen bannten, Vergeßt die Ketten nicht! Und schaust du auf die Trümmer dieses Krieges Und trauerst um manch lieben Toten, So denk auch stets an dieses Leid! Verboten ward das freie Wort, das wahre Denken, Zerstört ward das, was edle, große Geister schufen; Und welchen Tod verbarg man hinter diesen Wänden? Magst du auch heut das Banner lichter Freiheit schwenken, So höre noch die Stimmen aus der Tiefe rufen, Die aus vergangener Kerkerqual das Mahnwort senden; Vergeßt die Tränen nicht, Aus denen hier der Haß geboren, Vergeßt die Knechtschaft nicht!— An diesem Mahnmal heb die Hand zum Schwur, Gelob in diesem Sinne nur zu streben, Dien so der Freiheit und der Wahrheit nur, Und widme diesem Ziel dein ganzes Leben! Vergeßt den Unbekannten nicht, Der hier im Kerker litt, Vergeßt ihn nicht!


