aufzunehmen. Tilla kommt morgen früh zurück und wird dich im Laufe des Tages aufsuchen. Sie bringt dir gleich dein Billett mit. Nun solltest du dich entschließen, bald zu fahren." ,, Vor Samstagfrüh ist es unmöglich", antwortete ich ihr ,,, aber dann will ich es tun." Noch war mir nicht voll zum Bewußtsein gekommen, was ich da so ruhig aus­sprach! ,, Ich muß heute abend nach Hause fahren", fuhr Eva fort ,,, bringe mir einen Koffer voll mit deinen nötig­sten Sachen hier ins Sprechzimmer der Schwestern; einen Vorwand wirst du leicht finden, ich hole ihn ab und bringe ihn zum Bahnhof. Ich löse meine Karte über mein Ziel hinaus bis Berlin und kann ihn dann aufgeben, den Ge­päckschein schicke ich eingeschrieben an deine Cousine." Ich war mit allem einverstanden. ,, Noch eins", begann Eva wieder ,,, du nimmst am besten am Samstagfrüh den Zug acht Uhr fünf. Ich werde in Jena versuchen einzu­steigen und bis Halle mit dir fahren, ich werde ruhiger sein, wenn ich dich im Zuge gesehen und gesprochen habe", setzte sie hinzu. ,, Noch bin ich wie betäubt", flü­sterte ich ihr zu ,,, noch kann ich nicht fassen, daß ich fort­gehe. Aber ich muß ja wieder hinüber", erschreckend fiel es mir ein. ,, Lebwohl, du Treue, und innigen Dank für alles!" Und damit riß ich mich los. Draußen sagte ich Schwester Theodora, daß ich gegen Abend einen Koffer hinüberbringen werde, der von einer Deportierten stamme. Meine Freundin werde ihn holen und nach dem Wunsche der Besitzerin zu Bekannten von ihr schaffen, die ihn auf­bewahren sollten. Die Schwester nickte nur, es war nicht das erstemal, daß sie Aehnliches erfuhr, und ich hatte sie immer ohne Fragen zur Hilfe bereit gefunden.

Wie verabredet, kam am nächsten Tage Tilla. Sie konnte nicht genug die Selbstverständlichkeit rühmen, mit der meine Cousine und ihr Mann meiner Aufnahme zuge­stimmt hatten. Das freute mich sehr. Allerdings stellten sie einige Bedingungen. Ich sollte mich verpflichten, das Haus nicht zu verlassen, und ich dürfte mit keinem meiner alten

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