Mein Lieber!

Isartal, den 28. August 1939

Vor drei Tagen haben wir uns getrennt, und vor einer halben Stunde kam, ängstlich herbeigesehnt und mit großer Freude begrüßt, das Telegramm Deiner guten Ankunft in London ! Nun, da ich Dich in Sicherheit weiß, in der Nähe der Kinder, will ich zufrieden sein, wenn ich von Zeit zu Zeit ein Lebenszeichen von Dir erhalte. Ich werde Dir nur selten schreiben können und muß das Meiste, das Wich­tigste, ungesagt lassen in diesen Briefen. Drum will ich immer, wenn es mich drängt, und ich irgend Zeit und Ruhe dafür aufbringen kann, aufschreiben, was mich wäh­rend der Zeit unserer Trennung, die hoffentlich nicht all­zulange währt, bewegt.

Noch kann ich mich nicht lösen von der Erinnerung der letzten Tage, deren Ablauf wie Filmbilder schnell und wechselnd an meinem inneren Auge vorüberzieht: Mitt­wochnacht die Reise mit den zwanzig Münchner Kindern, die ich bis Frankfurt brachte, wo der Transport der jü­dischen Kinder aus dem ganzen Reich gesammelt und zu­sammengestellt wurde. Der Wagen war fast leer. Drei Ab­teile waren reserviert für die Reisegesellschaft Meyer", wie auf dem Zettel an der Tür stand, damit die übrigen Reisenden nicht ahnen sollten, daß es jüdische Kinder sind, die hier ihre Ausreise aus Deutschland antreten, um drü­ben in England eine neue Heimat für immer oder wenig­stens vorübergehend zu finden. Der Abschied von den El­tern verlief wie noch jedes Mal ruhig und würdig, auch die Kinder verhielten sich musterhaft. Die Jüngsten waren sechs, die Ältesten fünfzehn Jahre. Die Kleineren konnte ich bald nach der Abfahrt zum Schlafen auf die Bänke betten, es dauerte nicht lange, da hörte man ihre ruhigen, gleichmäßigen Atemzüge.

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