Im Nebenabteil unterhielten sich die größeren Buben miteinander, sie machten Pläne für die Zukunft, alle vol­ler Hoffnungen und Freude, befreit vom Druck der letzten Zeit, den auch die Kinder sehr gespürt hatten. Drei der großen Mädchen tauschten ihre neuen Adressen aus, sie wollten weiter in Verbindung miteinander bleiben. Die rei­zende dunkle Hanni, die Tochter des in München so lange Jahre bewunderten und umjubelten Sängers, schrieb vor­sorglich gleich eine Karte an die Eltern. Immer wieder ging ich von Abteil zu Abteil, allmählich hörten die Ge­spräche auch bei den Größeren auf, und schließlich schlie­fen alle. Ich ging auf den Gang hinaus und dachte an unsere eigenen Kinder, die schon vor Monaten allein die­sen Weg gemacht hatten. Da hörte ich unregelmäßige laute Schritte, und nun sah ich an der Abteiltür, hinter der die Kleinen schliefen, einen starken großen Mann stehen. So­fort war ich an seiner Seite. ,, Entschuldigen Sie, diese Ab­teile sind reserviert", sagte ich zu ihm. ,, Machen Sie Platz, ich will mir die Judenbälge ansehen." Ich sah, ich hatte einen Betrunkenen vor mir. Wie konnte ich ihn hindern, die Kinder aufzustören! Da hörte ich neuerdings jemand kommen, ich atmete auf, es war der Schaffner, und ihm gelang es schließlich, den Mann in seinen Wagen zurück­zubringen. Der Schaffner kam nochmals zurück, um mir seine Empörung über die rohe Art des anderen auszu­drücken und mir zu sagen, wo ich ihn oder einen der übri­gen Zugsbegleiter finden könnte, wenn ich ihn benötigen sollte. Der Rest der Reise verlief ohne Zwischenfall, und pünktlich kamen wir am Morgen in Frankfurt an. Nach dem Frühstück in der Bahnhofswirtschaft konnte ich die Kleinen einer Fürsorgerin der Kultusgemeinde Frankfurt überlassen und machte mich mit den Größeren auf, um durch die schöne Altstadt zu schlendern. Der Zug, mit dem die Kinder weiter an die holländische Grenze fahren sollten, ging erst nach zwölf Uhr mittags ab, gegen elf Uhr mußten wir uns wieder an einer bestimmten Stelle

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