der Bahnhofshalle versammeln, wo sich dann auch die Kin­der aus dem übrigen Reich einfanden.

Es war ein schöner, sonniger Morgen, und die ehrwürdi­gen Gebäude am Römerberg zeigten sich von ihrer besten Seite. Die Kinder waren trotz der durchfahrenen Nacht interessiert und aufnahmefreudig, es machte mir Freude, ihnen alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen und so gut wie möglich auf alle Fragen zu antworten. Dann rasteten wir in einer Anlage am Main , und die zehnjährige, lebhafte Rosi, die in Nürnberg zu mir in den Zug gestiegen war, tanzte singend vor uns auf und ab. ,, Rosi, du wirst müde werden, magst du nicht sitzen?" fragte ich sie. Sie schüt­telte den Kopf, daß die dunklen Locken flogen, und die braunen Augen blitzten, als sie sagte: Ich kann nicht sitzen vor Freude, daß ich nun aus Deutschland fort­komme! Jetzt brauche ich keine Angst mehr zu haben, angespuckt zu werden, jetzt können die Kinder aus unse­rem fränkischen Dorf nicht mehr hinter mir her schimpfen oder mich gar mit Steinen bewerfen! All das gibt es in England nicht! Ach was bin ich so froh!" ,, Und ist dir der Abschied von den Eltern nicht sehr schwer geworden?" fragte sie Hanni, die unendlich an ihren Eltern hing. Rosi schüttelte wieder mit dem Kopf. ,, Vater lebt nicht mehr, er ist gestorben, nachdem ihn die SA.- Leute am 10. No­vember vorigen Jahres so schrecklich geschlagen haben, daß er nicht mehr aufstehen konnte; und Mutter ist seit­dem immer traurig und lacht nie mehr. Sie hat mir ver­sprochen, daß sie bald nachkommen wird", und lustig träl­lernd tanzte sie weiter vor uns auf und ab.- ,, Wir haben noch deutsches Geld, Frau Doktor", sagte der ernsthafte fünfzehnjährige Walter ,,, dürfen wir uns noch Keks und Schokolade dafür kaufen? Dort hinten sah ich einen La­den, wo es so etwas gibt, zwar steht dort, wie an fast allen Geschäften, angeschrieben: Juden haben keinen Zutritt', aber ich bin ja blond und habe keine krumme Nase, keiner kennt mich hier." Gern gab ich ihm und einem älteren

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