nahe Verwandte, sind hier zurückgeblieben. Sie waren für eine Zeit im Barackenlager untergebracht, aber es scheint, als wenn man dieses noch rascher zu leeren gedenkt als unser Heim. Jedenfalls sind die Kinder vor nun zwei Wochen bei uns eingezogen. Wir haben ihnen den großen Saal eingeräumt, in dem vorher sechsunddreißig Männer wohnen mußten. Ich war sehr erleichtert, als in der Widenmayerstraße mein Vorschlag, diesen Saal für die Kinder und ihre beiden Betreuerinnen einzurichten, genehmigt wurde. Durch die fortgesetzten Deportationen ist das Heim nicht mehr voll belegt, so daß ich die im Saal zurückgebliebenen Männer ohne Schwierigkeiten auf die anderen Zimmer verteilen konnte. Als Kinderheim ist der Saal dagegen ideal, nachdem wir ihn mit Schränken in drei Abteilungen geteilt haben: eine für die Kleinkinder mit ihren Bettchen und Möbeln, die sie mitbrachten, der mittlere Teil für die Schulkinder und der dritte für die beiden Leiterinnen, die ich schon seit langem kenne und sehr schätze. Ich habe, seit sie hier sind, bei ihnen schon öfters am Abend spät eine halbe Stunde gesessen und mich gefreut, mit wieviel Verständnis sie sich bei uns einfügen. Durch die Kinder kommt ab und zu ein bißchen Sonnenschein in unser sonst so freudloses schweres Leben.
Sehr bald nach ihrem Einzug erschien der Obersturmführer Muggler mit dem Regierungsrat Schroth zur Revision. Besonderes Interesse zeigten sie für die neueingerichtete Krankenstube und für das Kinderzimmer. Als wir es betraten, liefen uns die beiden Kleinsten entgegen, die zweijährige Dina und der dreijährige Schorsch, die beiden einzigen, die ihre Mutter( natürlich in der Fabrik beschäftigt) hier im Heim haben. Strahlend hob Dina ihre kleine Puppe dem Obersturmführer entgegen. Schroff schob er sie fort, so hart und mit so finsterem Gesicht, daß die Kleine erschrak und zu weinen begann. Ich hatte Mühe, meine Empörung zu verbergen. Glücklicherweise hielten sich die übrigen Kinder ganz still. Fräulein Jacob hatte
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