muß Dir sagen, daß mir bisher dieser Gedanke noch nie gekommen ist. Nach reiflichem Ueberlegen muß ich ihn auch ablehnen. Unmöglich könnte ich jetzt in dieser kritischen Zeitspanne das Heim verlassen. Es würde mir wie Fahnenflucht erscheinen, ganz abgesehen von den äußeren Schwierigkeiten und Vorbereitungen. Nein, so lange ich die Leitung hier habe, kann ich nicht fort. Dabei bin ich mir der Verpflichtungen, die ich gegen Dich und die Kinder habe, durchaus bewußt, bin ja auch festen Willens, so weit es mir möglich ist, durchzuhalten, wenn auch die Vereinigung mit Euch, mein heißester Wunsch, mir im Augenblick in ungemessene Ferne gerückt erscheint. Ich weiß, daß im Heim manche mit dem Gedanken einer Flucht spielen, bisher haben bei uns nur vier Personen diesen Versuch gemacht. Der erste war ein jüngerer Mann, der Ostern zur Deportation eingeteilt war. Er war in der Rätezeit im Eppschen Freikorps , und wir nehmen an, daß ihm von früheren Kameraden geholfen wurde. Wir haben niemals mehr etwas von ihm gehört. Die drei übrigen Personen, Mutter mit zwei Töchtern, sind vor vierzehn Tagen verschwunden. Sie hinterließen einen Brief für mich, in dem sie erklärten, in einem Wald in der Nähe der Stadt sich das Leben nehmen zu wollen. Ich mußte Vermißtenanzeige bei unserem Polizeirevier erstatten, wo man mir versprach, mich zu benachrichtigen, wenn man sie gefunden habe. Man hat sie nicht gefunden, und so darf ich glauben, daß sie vielleicht über die Schweizer Grenze kamen oder bei Verwandten versteckt leben. Uebrigens stelle ich mir ein Leben auf der Flucht, immer in Angst, gefunden zu werden, entsetzlich vor. Ich würde zum mindesten nur mit dem festen Willen, in ein neutrales Land zu fliehen, den Sprung ins Dunkle wagen wollen. Aber vorläufig habe ich weder Zeit noch Lust, solchen Gedanken nachzuhängen.
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Auch der Rest unseres Kinderheims hat nun bei uns ein Asyl gefunden. Zwölf Kinder im Alter von zwei bis dreizehn Jahren, bis auf zwei Ausnahmen ohne Eltern oder
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