gebracht zu werden, woran wir nun nicht mehr zweifeln. Seit vierzehn Tagen fehlt jede Nachricht von unseren De­portierten aus Piaski , und wir geben uns keiner Hoffnung mehr hin, sie nach dem Kriege wiederzusehen.

Das schreibt sich leicht hin, und wieviel Leid, Not und Angst verbirgt sich dahinter! Aber Worte vermögen nicht, sie auszusagen, und jeder fühlende Mensch wird etwas da­von empfinden, wenn er sich die Situation klarmacht. Das ganze Ausmaß dessen, was es heißt, spürt sowieso nur der, der es selbst miterlebt!

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Gestern traf nun auch bei mir im Heim eine neue Liste mit den Namen der nächsten Dienstag zu Deportierenden ein. Fünfunddreißig alte Heiminsassen kommen nach The­resienstadt, wieder sind einige darunter, die mir im Heim durch ihre Arbeit wertvolle Dienste geleistet haben. Auch ein Schwerkriegsbeschädigter mit seiner Frau ist darunter, die völlig fassungslos war, als ich ihr die Nachricht über­brachte. Aber das Schlimmste ist, daß mir Stahl sagte, wir müßten jetzt jede Woche mit einer Deportation rechnen! Wie soll unsere schon so entsetzlich schwer belastete Ge­meinschaft diese ständige Angst und Aufregung ertragen! Es war gelungen, in den letzten Wochen wieder eine gewisse Ruhe im Heim herzustellen; das Leben ging zwar nicht sorglos dahin, aber diese unmittelbare Furcht vor der das Leben direkt bedrohenden Deportation war doch ein wenig in den Hintergrund getreten. Auch der Sommer mit seinen schönen Tagen und Abenden und die Möglichkeit, ein wenig davon abends im Garten genießen zu können, taten uns wohl. Aber wenn dieses furchtbare Gespenst nun über jedem einzelnen drohend in nächster Nähe schwebt, wie soll daneben die tägliche Arbeit und das Leben im Alltag be­wältigt werden! Man nimmt an, daß auch die Deportationen nach Polen wieder einsetzen werden, daß man nicht einmal damit warten wird, bis alle Alten evakuiert sind. Trotz alledem mußte ich meine Gedanken auf die Weiterführung des Heims und seine Notwendigkeiten konzentrieren. Wir

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