mußten ein zusätzliches Krankenzimmer einrichten, da die Möglichkeit fortfiel, Schwerkranke in unser Krankenheim zu bringen. Einer der zugelassenen jüdischen Aerzte sollte mit seiner Frau ins Heim übersiedeln, und die beiden zu­rückgelassenen jüdischen Krankenschwestern würden ihren Dienst künftig bei uns versehen. Das hieß: neue Arbeit in Hülle und Fülle, und doch war die bisherige kaum zu be­wältigen! Trotzdem darf ich nicht mutlos werden; mich erstaunt es immer wieder von neuem, wie abhängig die Stimmung des ganzen Heims, d. h. der Insassen, von der

meinen ist.

Ich bin unterbrochen worden, eine Insassin kam und bat, mich noch sprechen zu dürfen. Und nach diesem kurzen und doch so inhaltvollen Gespräch kann ich mich nicht zur Ruhe legen, es treibt mich, seinen Inhalt kurz aufzuschrei­ben. Frau Schulmann ist unter denen, die uns am Dienstag verlassen sollen, um nach Theresienstadt zu gehen. Sie steht ganz allein, sie hat keine nahen Angehörigen mehr, und oft hatte ich das Gefühl, daß sie nur noch mit Mühe und großer Anstrengung das Leben ertrug. Sie sagte mir nun, daß sie schon, als sie zu uns eingewiesen wurde, aus dem Leben gehen wollte, damals sei sie von einer Freundin be­stimmt worden, es nicht zu tun. Sie hätte sich dann auch im Heim wohlgefühlt, es seien Menschen dagewesen, mit denen sie sich gut verstand, sie habe auch mich liebgewonnen, und mit Staunen erkannt, wie die Gemeinschaft sie in ihren Bann schlug. Trotz ihrer sehr zarten Gesundheit und ihres Alters, die sie von der Fabrikarbeit befreiten, habe ihr die Arbeit im Heim Freude und Befriedigung gebracht. Nun solle sie fort; ja, sie wisse, ich wolle sagen, Theresienstadt sei nicht das Schlimmste, aber sie fühle einfach keine Kraft mehr, noch einmal neu anzufangen, noch einmal eine solche Umwälzung zu überstehen. Und ihre gute Freundin, die sie einmal zurückgehalten habe, sei Ostern deportiert worden. Aber sie habe den Schritt aus dem Leben nicht gehen wollen, ohne es mir zu sagen. Sie bitte mich herzlich, nicht

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