Berg a. Laim, Sonntag den 14. Juni 1942

Seit zwei Wochen ist unser Heim wieder voll bis auf wenige Plätze, und unter den Neuangekommenen sind zwei sehr musikalische Menschen: Ein junges Mädchen, Lisel Beer, die sehr schön Geige spielt. Sie war mitten in der Ausbil­dung in der Musikschule, als sie von der Widenmayer­straße zur Fabrikarbeit geholt wurde. Sie hat ihre Geige mitgebracht, als sie mit ihren Eltern ins Heim eingewiesen wurde. Uebrigens ist sie jüdischer Mischling, deshalb konnte sie auch so lange noch ihrer Neigung zur Musik folgen. Erstaunlicherweise hat man der ,, arischen" Mutter gleich­falls erlaubt, mit Mann und Tochter in unser jüdisches Heim zu ziehen, es gibt eben immer Unbegreiflichkeiten, über die man den Kopf schütteln kann. Der zweite ist Herr Walder, ein Pianist von großem Können. Nun haben wir gelegentlich die Freude, gute Musik zu hören. Ein dritter Insasse, der schon länger bei uns ist, spielt recht gut Cello und hat es sich geholt, so daß ein regelrechtes Trio zustande gekommen ist. Daneben hat es sich eingebürgert, daß ich nach den obligatorischen, wöchentlichen Appellen, die immer Samstagsabends stattfinden, und die ich sehr kurz erledige, meinen Insassen einen kurzen Vortrag halte. Ich erzähle ihnen von meiner früheren Arbeit im Frauen­gefängnis, gelegentlich spreche ich aber auch über Erzie­hungsfragen oder was mich sonst gerade beschäftigt. Das gibt eine kleine Ablenkung von den Sorgen und Mühen des Alltags und läßt uns kurze Zeit den Druck nicht so stark spüren, unter dem wir leben.

Am vergangenen Sonntag, einem herrlich warmen Som­mertag, den die meisten Insassen im Garten verbrachten, kam um vier Uhr plötzlich der Obersturmführer Muggler zu einer Revision. Er war in seiner leutseligen Stimmung, die ich mehr fürchte, als wenn er kurz angebunden ist. Des laß' ich mir g'falln", rief er mir schon von weitem zu, ,, so schön wie ihr möcht's i auch amal hab'n! Lassen's uns

دو

187