meine Bedrücktheit an und fragte in ihrer mütterlich güti- gen Art nach dem Grund.Es ist hart für mich, daß meine Freundin aus dem Isartal und ebenso meine Freundin Anne- marie, die Quäkerin, mich nicht mehr besuchen können, gestand ich ihr.Und Sie wissen, ich kann nicht fort vom Heim, es wäre ja auch schwierig, sie irgendwo zu treffen, da ich nicht wagen darf, den Judenstern zu verdecken. Das muß Sie nicht bedrücken, sagte sie freundlich, ‚Ihre Freundinnen können zu unserer Pforte hereinkommen, wir lassen sie in unser Sprechzimmer, und ich benachrichtige Sie durch unser Haustelephon, daß Sie herüberkommen. sollen. Sie werden so häufig hier am Telephon verlangt, daß es gewiß niemandem auffallen wird. Ich dankte ihr ganz gerührt.Es ist schrecklich, daß wir uns nur noch mit Lügen helfen können, fügte ich seufzend hinzu.Auch darüber dürfen Sie sich nicht viele Gedanken machen, entgegnete sie schr ernst,ich weiß, daß uns diese Lügen nicht als solche angerechnet werden, und scheue mich des- halb gar nicht, sie auszusprechen. Wir alle haben keinerlei andere Möglichkeit, dem Unrecht zu begegnen und uns dagegen zu wehren. Also, nicht wahr, wir machen es dann so, wie wir eben besprochen haben. Was täte ich wohl ohne diese Hilfe! Ich kann ja nicht alles aufschreiben, was diese Menschen für uns tun, als sei es das Selbstverständ- lichste von der Welt, ohne je ein Aufhebens davon zu machen! Aber oft, wenn ich meine, ich könnte nicht weiter, wenn ich wieder einmal kostbare Zeit mit dem Schlichten kleinlicher Zänkereien der Insassen vertrödeln muß, dann genügt ein Blick auf die vorübergehenden Klosterfrauen, der mich wieder zurechtrückt und mich meine Niederge- schlagenheit überwinden läßt. Trotzdem zweifle ich manch- mal, ob ich diese ungeheure Arbeitslast lange tragen kann.

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