Berg a. Laim, Sonntag, den 24. Mai 1942

Die Tage fliegen vorbei, so kommt mir vor, ich kann es einfach nicht glauben, daß wir schon in den Sommer hin­eingehen! Von unseren Deportierten bekommen wir regel­mäßige Nachrichten, sie sind wirklich nach Piaski gekom­men, aber sie haben die Stettiner nicht mehr vorgefunden und konnten auch nichts über ihren Verbleib erfahren. Wir schicken, soviel wir können, aber es sind nur mehr Brief­päckchen im Höchstgewicht von einem Kilogramm erlaubt. Heilbronner schreibt mutig und schildert seine und der Gefährten Situation sogar hin und wieder mit einem Ver­such zu scherzen. Er und alle irgendwie arbeitsfähigen Männer arbeiten im Straßenbau unter sehr schweren Be­dingungen und bei völlig unzureichender Ernährung. Ihre Koffer haben sie nicht erhalten: Auch mein Gesuch, mir meine Sachen zurückzugeben, wurde ohne jede Begrün­dung kurz abgelehnt, genau wie das, welches ich für Werner gemacht hatte, der übrigens wieder mit seinem Vater zusammen bei uns wohnt, nachdem ihn auf mein Be­treiben sein Arbeitgeber, der ihn sehr schätzt, gleich wieder angefordert hatte.

Bei mir erschien am Dienstag nach Ostern der Regie­rungsrat Schroth aus der Widenmayerstraße, ein ehemali­ger Zigarrenreisender, und erklärte mir, ich dürfe es mir als eine besondere Ehre anrechnen, daß die Partei ein­willige, mir die Leitung der Heimanlage allein zu über­tragen. Im allgemeinen schätze man männliche Leiter sehr viel mehr. Ich müsse mir aber auch darüber klar sein, daß ich für alles und jedes, was im Heim geschehe, die alleinige Verantwortung trage und strengstens zur Rechenschaft gezogen werde, wenn man mir irgendein Versäumnis oder eine Nachlässigkeit nachweisen könne. Es seien dann einige neue Verfügungen zu befolgen, die er mir hiermit bekannt­gebe. Von jetzt ab sei an unserem Tor eine Wache einzu­richten, die das Aus- und Eingehen aller Personen zu kon­

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