,, Sie", mit einer Gebärde zu mir ,,, bleiben hier!" Er drehte sich um, kehrte aber zurück, als fiele ihm noch etwas ein. ,, Richtig", sagte er wie zu sich selbst ,,, wenn Sie hierbleiben, fehlt einer an der zu deportierenden Anzahl. Siebenhundertachtundsiebzig müssen es sein, ich brauche also einen Ersatz für Sie." Siedend heiß ging der Gedanke mir durch den Sinn, daß nun womöglich Klein- Erna oder Frau Brand oder irgendeiner der zum Ersatz aufgerufenen jüdischen Mischlinge, die schon mit ihrem Freikommen rechneten, statt meiner mit fort mußte! Da kam festen Schrittes ein Fremder auf unsere kleine Gruppe zu. ,, Ich bin der Jude H.", meldete er in Habtachtstellung ,,, ich komme mit Genehmigung der Geheimen Staatspolizei in Bückeburg . Meine Eltern sind zur Deportation hier eingeteilt, ich melde mich freiwillig zum Mitgehen." Lächelnd wandte sich der Inspektor mir zu: ,, Da haben wir Ihren Ersatzmann!" Damit ging er in die Baracke, Stahl folgte ihm.
Ich stand wie betäubt. Zu plötzlich war dieser Umschwung; Empörung kam in mir hoch. ,, Wie ein Stück Vieh, das verladen wird", schoß es mir durch den Kopf. Langsam schlich ich auf den Aufmarschplatz zurück. Eben hatte Reiling die Versammlung aufgelöst, die Gruppe der Parteibonzen war verschwunden. Viel später erst erfuhr ich, daß sie nicht auf ihre Kosten gekommen waren. Sie hatten Weinen und Jammern erwartet, vielleicht auf flehentliches Bitten einzelner gerechnet. Nichts davon war zu spüren gewesen. Ja, als„ ,, Baby" aufgerufen wurde, sich zu äußern es werde ihr freigestellt, wegen des schwebenden Arisierungsgesuches zurückzubleiben-, antwortete sie mit der ruhigen Gegenfrage: ,, Darf auch meine Mutter hier bleiben, wenn ich es tue?" Der Hauptsturmführer verneinte: ,, Ihre Mutter muß auf alle Fälle mit." ,, Dann ist es für mich selbstverständlich mitzugehen." Geärgert wandte sich der Hauptsturmführer ab. Ging ihm auf, daß sie als die Machthaber, die Großen der Partei eine kläglichere Rolle spielten als die zum Erleiden des Schlimmsten
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