bestimmte wehr- und hilflose Masse der Juden? Ich weiß es nicht, vielleicht waren Menschen wie er und seine Hel­fershelfer gar nicht imstande, sich über ihre Gefühle Re­chenschaft abzulegen. Jedenfalls waren sie geärgert und unzufrieden mit dem Verlauf dieser Aktion. Da war es besser, den Schauplatz zu verlassen! Aber das erfuhr ich erst später.

Als ich auf den Aufmarschplatz zurückkam, noch völlig benommen und verwirrt von dem eben Erlebten, strömte die Menge auseinander. Schnell hatte sich ein Kreis um mich gebildet. Heilbronner rief mir zu: ,, Was haben sie von Ihnen gewollt?" Ich sah in seiner Nähe Schwester Irma und Frau Tuchmann, im übrigen lauter Heiminsassen, und alle warteten gespannt auf meine Antwort. Fast tonlos stammelte ich: ,, Ich muß hierbleiben." Aber alle hatten es gehört, und wie wenn dies Wort der Tropfen gewesen. wäre, der die in ihnen allen gestaute Flut der Erregung und des erlebten und zu erwartenden Leides zum Ueberfließen brachte, brach eine Woge von schmerzlichen Rufen aus ihnen hervor; Tränen liefen über ihre Gesichter. Da er­tönte der Ruf: ,, Alle zurück in ihre Baracken!" Heil­bronner drängte sich zu mir durch, auch er, der be­herrschte, sonst so ruhige Mann, ließ seinen Tränen freien Lauf. Er umarmte mich. ,, Leben Sie wohl, wie gern hätte ich mit Ihnen gemeinsam alle künftige Mühsal auf mich genommen!" Ich konnte vor Bewegung keinen Ton her­ausbringen. Aber ich sah, daß er mich verstand. Nach ihm kamen alle Umstehenden zu mir heran, die meisten verab­schiedeten sich stumm, aber ihre Augen redeten eine deut­liche Sprache. All das mühsam gebändigte Leid, doch auch Zuneigung zu mir und Trauer über die erzwungene Tren­nung sah ich darin. Ich glaube, ich kann ohne Ueber­treibung sagen: dies war eine der schwersten Stunden mei­nes Lebens, das auch vorher an schweren nicht arm ge­wesen ist. Dann waren sie alle fortgegangen, ich war ganz allein und ging langsam auf eine Bank zu, die vor der

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