Als wir uns, wie verabredet, trafen, war das meine erste Frage. Aber Du mußtest verneinen. Helene Hecht hatte Dich, so schnell es angängig war, wieder gehen heißen: ,, Ich weiß von Herrn Rat", hatte sie gesagt ,,, daß alle jüdischen Wohnungen von SA. oder Gestapo aufgesucht und überall die Männer verhaftet werden. Bei uns ist noch niemand gewesen, und ich möchte unter keinen Umständen, daß man Sie und Peter hier findet und festnimmt." Was tun? Wir gingen durch die Münchener Straßen, in denen sich die Menge drängte. Immer wieder trafen wir auf Menschenansammlungen vor jüdischen Läden, wo man sich das Zerstörungswerk ansehen wollte, oder vor anfangs vergessenen, deren Scheiben man jetzt zertrümmerte. Die Menge verhielt sich ruhig, auch den Gesichtern war ganz selten einmal anzumerken, was ihre Besitzer dachten. Hier und da fielen Worte der Schadenfreude, aber auch solche des Abscheus konnte man gelegentlich hören. Doch was ging dort gegenüber vor? ,, Komm schnell!" rief ein halbwüchsiger Bursche einem Kameraden zu ,,, dort verhaften sie wieder einen Juden!" Ich sah ein Polizeiauto, zu dem ein Mensch von mehreren Beamten geführt wurde. Ich zog Euch schnell fort. Stundenlang sind wir so zu viert durch die Straßen gelaufen; wie in einem Hexensabbath versetzt kam ich mir vor. Von dem Stand eines Zeitungsverkäufers leuchtete in dicken roten Buchstaben die Ankündigung eines Romans herüber: ,, Menschen, die gejagt werden", hieß der verheißungsvolle Titel. Menschen, die gejagt werden was sind wir anderes? Wann werden wir unseren Jägern in die Hände fallen? So gingen meine Gedanken. Nein, das durfte nicht sein, Du und Peter, ihr solltet nicht festgenommen werden, es mußte sich ein Ausweg finden! Und da fiel mir meine Schneiderin ein, von der ich wußte, daß sie und ihr Mann, ein Balte, keine Nazis waren; vielleicht würden sie Dich und Peter wenigstens für diese Nacht behalten, morgen würden wir dann weitersehen. Wir telephonierten, es meldete sich niemand; nach
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