denen wir uns angefreundet hatten. Und richtig: die Besitzerin des großen Kolonialwarengeschäfts am Dom in München , in dem wir alle Kolonialwaren, Konserven und Kaffee bezogen, kannten und schätzen wir auch.
Unser Zug ging gegen elf Uhr, vorher gaben wir unseren Hausschlüssel und den Wohnungsschlüssel der Mitmieterin beim Bürgermeister ab. ,, Rufen Sie mich von München an, ehe Sie wiederkommen, und wenn Sie sonst irgend etwas wollen. Gell, Sie wissen, daß ich alles tun werde, damit Sie bald wieder bei uns sind!" Wir schieden. Im Wagen der Isartalbahn, in den wir gestiegen waren, fanden wir die Leiterin der jüdischen Hauswirtschaftsschule des Nachbarfleckens mit allen Schülerinnen und Lehrerinnen. Auch sie hatten fortgemußt, die Mädchen mit ihrem ganzen Gepäck. Jetzt wurde mit ihnen besprochen, wie sie entweder von München gleich weiterfahren oder bei Münchner Mitschülerinnen vorläufig Unterkunft suchen sollten, bis sie ihre Eltern von der Heimkehr benachrichtigt hätten. Die Lehrerinnen rechneten fest mit einer Aufhebung der Schule, sie hielten eine Rückkehr für ausgeschlossen. Sie alle hatten vor, sofort in das Bürohaus der Jüdischen Gemeinde in der Lindwurmstraße oder, wenn das nicht möglich war, zu Herrn Rat in die Privatwohnung zu gehen, um sich weitere Direktiven zu holen. Am Isartalbahnhof in München trennten wir uns mit guten Wünschen für einander. Wir sollten schnell merken, daß wir sie gut brauchen konnten!-
Wir kannten flüchtig eine Pension in der Nähe des Odeonsplatzes, wo wir dort wohnende Freunde einmal besucht hatten, und fuhren mit der Straßenbahn dorthin. Nicht weit vom Hauptbahnhof fielen uns Läden mit zertrümmerten Schaufenstern auf. Zuerst achteten wir ihrer nicht besonders, aber dann entdeckten wir, daß es lauter jüdische Geschäfte waren. Mich fröstelte, obwohl es ein strahlend warmer Tag war, gar nicht der Jahreszeit entsprechend, eher einem schönen Herbsttage gleichend. In
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