nisbeamtin tönte mir entgegen, der man übrigens die Verlegenheit über diesen Auftrag, den sie ausführen mußte, deutlich anmerkte: ,, Sie möchten heute nicht zur Sprechstunde ins Gefängnis kommen, Frau Doktor, zu Ihrem eigenen Schutz wurde diese Maßnahme getroffen!" Ich erwiderte ihr schnell gefaßt: ,, Ich nehme Ihren Auftrag zur Kenntnis und werde natürlich nicht kommen, aber den Zusatz hätten Sie sich sparen sollen. Sie wissen so gut wie ich, daß ich nirgends sicherer sein könnte als unter den von mir betreuten Frauen im Gefängnis!" Sie ging auf die Erwiderung nicht ein, sondern fuhr fort:„ Ich habe noch einen Auftrag an Sie, nämlich, ob Sie uns nicht von sich aus eine arische Vertreterin nennen wollen, die wir als von Ihnen gesandt zu den Frauen schicken könnten, um jeder Unruhe unter ihnen vorzubeugen!" Ich gab ihr sehr ruhig zur Antwort: ,, Nein, Frau Oberin, das will ich nicht, ganz abgesehen davon, daß Sie selbst wissen, wie schwierig es doch ist, irgend jemandem ohne besondere Einführung diese Arbeit zu übertragen. Und um etwelcher Unruhen Herr zu werden, haben Sie ja alle notwendigen Mittel in der Hand!" Damit legte ich den Hörer auf. Das war das Letzte, was ich nach vierjähriger, regelmäßiger Arbeit vom Gefängnis gehört habe; keine der Beamtinnen hat sich je wieder gemeldet!
Besonders stark aufgerührt wurden die Erinnerungen daran, als ich in diesem Sommer 1939 von der Münchner Jüdischen Gemeinde die Anfrage erhielt, ob ich bereit sei, eine alte Frau, die aus einer der kleinen Gemeinden Frankens stammte, aus dem Gefängnis in R. oberhalb Herrschings abzuholen und bis zu ihrem Zug nach der Heimat zu begleiten. Selbstverständlich sagte ich zu und fuhr an einem schönen Morgen nach Herrsching , wo am Bahnhof schon das bestellte Auto bereitstand, um mich nach R. zu bringen. Wir erreichten nach kurzer Fahrt eine Reihe von Gebäuden zwischen weit ausgedehnten, in sommerlicher Fülle prangenden Getreide- und Kartoffelfeldern. Vor dem
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