den wieder zurückkehren. Samstag und Sonntag habe ich frei. Du kannst Dir denken, daß mir diese Regelung lieb ist.
Es ist wunderbar heißes Sommerwetter; ich sitze im Garten, um mich herum spielen die beiden Nachbarskinder. Alles atmet eine so friedliche Atmosphäre, daß man sich immer wieder gewaltsam in den Sinn rufen muẞ: Es herrscht Krieg! Doch spürst Du nichts von der Begeisterung, die wir 1914 miterlebten, nirgends siehst Du ein Zeichen davon, und selbst vor den ersten Siegesmeldungen stehen die Menschen stumm und mit ungerührtem Antlitz. Tilla macht eine Radtour, sie soll das schöne Wetter nutzen. Ich hatte keine rechte Lust, etwas zu unternehmen, und es ist mir lieb, allein zu sein mit den Gedanken an Dich und die Kinder und den vielen Erinnerungen an gute und schwere Tage. Das ist ein Reichtum, der nie auszuschöpfen ist und mir nie verloren gehen kann, an ihn halte ich mich jetzt, da ihr mir fern seid! Zwar bin ich gewiß kein Mensch, der nur in der Vergangenheit und erst recht nicht in unfruchtbarem Warten auf die Zukunft leben kann. Ich werde diese Zeiten nur aushalten, wenn ich die Gegenwart durch Arbeit, Mitleben und Mitfühlen von Menschenleid und Menschenfreude lebenswert gestalten und mich dadurch lebendig und aufnahmefähig erhalten kann. Aber dazwischen werde ich immer wieder Stunden völliger Einsamkeit brauchen, in der ich mir die Bilder der Erinnerung zurückrufen will. Daß Tilla dafür das richtige Verständnis aufbringt, ja, daß sie selber ganz ähnliche Bedürfnisse hat, wird unserem Zusammenleben sehr zugute kommen.
Meine Gedanken schweifen weit zurück: in die Zeit vor 1933. Was für herrlich reiche Jahre haben wir in unserem Häuschen am Berliner Stadtrand gehabt! Wie erfüllt kamst Du abends von Deiner Arbeit heim, dieser Arbeit, die Dir so ans Herz gewachsen, und die wie für Dich geschaffen war. Ich vergesse es nie, als Du bald nach Deiner Berufung ins Ministerium heim kamst und mir freudestrahlend
2 Behrend, Ich stand nicht allein
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