Isartal, den 2. September 1939

Als ich gestern früh mit unserem Nachbarn auf den Zug wartete, der ihn zu seinem Krankenhaus in einem Vorort und mich in die Stadt bringen sollte, ertönte plötzlich der Lautsprecher aus der Wohnung des Stationsvorstehers. Der kleine Bahnsteig war gedrängt voll von Menschen, die zu ihrer Arbeitsstelle fahren wollten. Aber während sie eben noch miteinander geplaudert, die Gruppen der Schüler und die jungen Menschen auch gescherzt und gelacht hatten, trat jetzt eine geradezu beängstigende Stille ein. Und nun fielen die Worte, die man lang erwartet hatte, und die doch einem jeden von uns einen Schauer über den Rücken jagten: Der Krieg hat begonnen! Die deutschen Heere haben die polnische Grenze überschritten! Dr. B. war ganz blaß geworden, seine Lippen préßten sich fest aufeinander. Dann gab er sich einen Ruck und sagte: ,, Also wieder Krieg, und wer weiß, wie lange er diesmal dauert!" Wir trennten uns mit einem festen Händedruck. Ich war durch eine kurze Mitteilung auf die Devisenstelle bestellt, doch als ich dort anlangte, wurde mir vom Diener bedeutet, zu warten. Der Führer werde sprechen, und die Beamten seien alle zum Gemeinschaftsempfang versammelt. Ich konnte auf meiner Bank im Flur jedes Wort des Lautspre­chers verstehen. Das Wesentliche der Rede war wohl die Bemühung, dem deutschen Volk- nach allem, was an Schimpf- und Haẞkanonaden vorausgegangen war!! be­greiflich zu machen, daß Rußland nicht an der Seite un­serer Feinde stehe, sondern vielmehr als wohlwollender neutraler Freund auf unserer eigenen! Es wurde mir schwerer als sonst, die Stimme dieses Mannes und das Beifallsgeheul der Trabanten zu ertragen, das wirklich nicht mehr menschlich klang.

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Ich war bestellt worden, weil über Weiterzahlung Dei­ner Pension an mich mit mir verhandelt werden sollte. Der Beamte war sehr höflich, er erklärte mir, daß je nach

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