telephonisch angemeldet. Wir kannten ihn schon von der Auflösung und Verpackung unseres Haushalts her und außerdem vom Packen der Sachen unserer ältesten Tochter vor ihrer Ausreise nach Argentinien . Um halb fünf Uhr stand das Auto vor der Tür. Du konntest nur schnell Ab­schied nehmen von Tilla und der Nachbarin, die, mit der Jüngsten auf dem Arm, einem hellblonden Lockenkopf mit strahlend blauen Augen, herübergekommen war. Es mußte schnell gehen, und das war sicher gut so, sonst wäre Dir der Abschied von den lieben Menschen im Dorf, vom Häuschen und vom Garten, ja, von der ganzen geliebten Landschaft mit ihrem blitzenden Flußẞband und dem Kranz der blauen Berge noch schwerer geworden! Schön war die Fahrt durch das sommerliche Land auf der prachtvollen Kunststraße in das liebe, bunte Städtchen an diesem hei­Ben Augusttag, doch schon türmten sich am Himmel große weiße Gewitterwolken, und als wir auf dem Weg nach München waren, tönte das erste ferne Grollen des schnell näher rückenden Wetters zu uns herüber. Wir hielten ge­rade vor dem Bahnhof, da ging ein Wolkenbruch nieder, mit Mühe nur konnten wir die schützende Halle erreichen, ohne völlig durchnäßt zu werden.

Der Gepäckträger sah sofort, mit wem er es zu tun hatte. Wievielen Juden mag er wohl in diesen Jahren die Koffer zu ihrer Reise aus dem Land der Knechtschaft in fremde, freiere Länder getragen haben! Am Gepäckschalter fragte er: ,, Reist der Herr allein?" Ich konnte nur nicken, es wollte mir kein Wort aus der Kehle. Da warst Du auch schon fertig und kamst auf uns zu, um den Träger zu be­zahlen. Er steckte die kleine Summe ein, und nun kam etwas Ueberraschendes: ,, Pfüat Gott , lieber Herr,' ham's guaten Mut, und sorgen's Eahna net gar so sehr um die Frau. I bin der Gepäckträger Nummer 45 und wohne in der N.- Straße Nummer 12, die Frau soll zu mir und mei­ner Alten kommen, wenn's ihr schlecht geht, bei uns g'schieht ihr nichts, wir helfen ihr bestimmt weiter!" Und

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