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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Damit gab er mir einen verschlossenen Umschlag. Dann reichte er mir zum Abschied die Hand. Herr B., es waren nicht die schönsten, aber die interessantesten fünfzehn

Tage meines Lebens.

So ähnlich hat Prof. K. auch gesagt, erwiderte er lächelnd,ja, man muß alles einmal kennen lernen. Dabei schüttelten wir uns die Hände wie zwei alte Freunde.

Auf Wiedersehen aber nicht hier!, sagte ich noch, bevor ich hinaus- ging.

Freiheit! Ein königliches Wonnegefühl, wieder allein und ungehindert durch die Straßen der Stadt gehen zu dürfen. Wie muß erst einem Menschen zu Mute sein, der nach jahrelanger Zuchthausstrafe endlich entlassen wird.

Mein Weg führte mich an einer bekannten Gaststätte vorüber, in der ich so manches Mal gesessen hatte. Ein Glas Bier jetzt, das wäre ein Genuß. Auch ein warmes Essen dürfte es sein. Doch noch habe ich keinen Pfennig in der Tasche. Aber auch dann hätte ich mich mit meinem struppeligen Gesicht und meinen ungepflegten Haaren wohl kaum hinein getraut. Man muß mir ja ansehen, daß ich aus dem Gefängnis komme.

Dann begegnete mir der Gefangenenwagen. Er holt jetzt die armen Kerle von der Gestapo und bringt sie in das Gefängnis zurück. Meine Gedanken fliegen zu ihnen. Dieses und jenes bleiche Gesicht erscheint vor mir im Geist. Immer wieder muß ich mir sagen: die allerwenigsten sind Ver- brechernaturen, die eine solche Behandlung verdienen. Das ist für einen mitfühlenden Menschen erschütternd, aufwühlend nein, es ist noch etwas schlimmeres: es ist beschämend. Jawohl, schämen muß man sich, daß man einem Lande angehört, wo solche Dinge möglich sind. Es ist das Land der Väter, es soll das Land unserer Kinder sein. Man liebt dieses Land, aber man kann unmöglich die lieben, die solche Zustände geschaffen haben, sie verteidigen und beibehalten wollen.

Da führen wir Krieg um materielle Dinge: um Land, um Bodenschätze, um ein äußerlich reiches Leben und wir geben unsere Ehre, unser An- sehen als Kulturvolk dafür.

Nein, ich kann noch nicht leichten Herzens aufatmen und mich freuen, auch wenn ich jetzt aus dem Gefängnis heraus bin. Noch befinden wir uns alle in einem Nationalzuchthaus; noch wird die Menschlichkeit mit

Füßen getreten; noch wird das unterdrückt, wofür so viele große Deutsche

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