beschimpft fühlen, dann wird es wahrscheinlich heißen: dem frechen Burschen müssen wir das gründlich austreiben.
Vielleicht werde ich vorher überhaupt nicht mehr vernommen. Dem gemeinen Verbrecher wird ein Verteidiger gestellt, sein Urteil wird nach öffentlicher Gerichtsverhandlung gesprochen, er darf Einspruch erheben. Hier über mein künftiges Wohl und Wehe entscheidet ein Mann, geheim und endgültig. Dazu noch ein Mann, der politisch und berufsmäßig mein Gegner sein muß. Eine verdammt unangenehme Sache! Jedes Wort meiner Verteidigungsschrift rief ich mir in das Gedächtnis zurück und suchte seine Wirkung zu ergründen. Dazu kam die Hoffnung auf Sch., der sich bestimmt für mich eingesetzt hat, soweit er es konnte.
Aber ein banges Gefühl blieb, als ich mit dem Nachmittags- Transport zur Gestapo gebracht wurde. Bisher hatte ich es immer tapfer niederkämpfen können, heute gelang es mir nicht recht, vielleicht weil die Freiheit schon zu nahe winkte, denn diesmal wird es wohl bestimmt zum Urteilsspruch gehen. Auf Grund der Äußerungen, die B. am Vortag gemacht hatte, war nunmehr anzunehmen, daß der Chef endlich von seiner Reise zurückgekommen war.
Mein Zellengenosse von gestern, der stramme Kriegskamerad, saß auch wieder im Gefängniswagen. Wir hatten dann bei der Gestapo sogar das Glück, daß der Empfangschef uns zwei allein in eine Zelle tat. Bald wurde der Andere herausgerufen. Nach etwa einer Stunde kam er zurück, sackte neben mir auf der Bank zusammen und heulte wie ein Kind. Ich hatte in diesen Tagen schon so manche Männerträne fließen sehen und konnte davon eigentlich kaum mehr erschüttert werden, aber bei diesem großen, starken Mann beeindruckte es mich doch wieder sehr.
Als er sich endlich beruhigt hatte, erzählte er mir: Sechsundfünfzig Tage Oberndorf habe man ihm verpaẞt". Er sei dem Chef vorgeführt worden. Getobt habe der und geschrieen, die Leute nur so am laufenden Band verdonnert. Zwei junge Mädchen, die vor ihm dran waren, müßten in ein Konzentrationslager. Sie hätten furchtbar gejammert.„ Aber danach fragt ja so einer nicht", fügte er noch hinzu.
Dieser Chef ist der geeignete Mann für meine Aufzeichnungen, dachte ich, und ich gab die Hoffnung auf, bald entlassen zu werden.
Der Sachbearbeiter von meinem jammernden Zellen genossen erschien jetzt noch einmal in der Zelle. Seien Sie froh", sagte er dem bekümmert Dasitzenden ,,, daß Sie so weggekommen sind. Wenn ich mich nicht für Sie
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