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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Ich erklärte ihm, daß drinnen im Gefängnis niemand nach unserer Klei­dung fragt. Ahnungslos seien wir heute Morgen herausgerufen und der Arbeitskolonne eingereiht worden. Wir werden überhaupt nur wegen ge­ringfügiger politischer Sachen festgehalten", fügte ich am Schluß noch hinzu. ,, Das sieht man, daß Sie keine Verbrecher sind", antwortete er sogleich. Wir wollen mal sehen; es wird sich schon eine geeignete Arbeit für Sie finden lassen."

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Wir marschierten an den Rand von Zuffenhausen . Noch nie war ich in dieser verlassenen Gegend gewesen. Zuletzt ging es querfeldein. Der Acker­boden war zum Glück gefroren, wenn auch nur leicht.

Zwei Bretterbuden standen auf dem Baugelände, das wir jetzt betraten: eine für die Polizeileute, eine für uns Gefangene. Roh und primitiv war unsere Bude zusammengezimmert, bunt die Gesellschaft, die sich darin ver­sammelt hatte. Ich betrachtete mir die verschiedenen Gestalten jetzt noch einmal in Ruhe. Einige Franzosen waren Mischlinge, halbe Neger: putz­wollartig gekräuseltes Haar; dicke, wulstige Lippen; dunkelbraune Haut. Dazwischen saßen helle, blauäugige Holländer; Polen mit breitknochigen, slavischen Gesichtern und finsteren, dunklen Augen; ferner Kroaten , Italie­ner und Angehörige anderer Nationen. Ebenso vielseitig war natürlich das Sprachengewirr, das hier erschallte. Französisch überwog. Deutsch kam ganz ins Hintertreffen.

Traurig stand es bei den meisten mit der Kleidung. Viele hatten keine Mäntel, manche sicherlich auch kein warmes Unterzeug; und die Wäsche, die man zu sehen bekam, war schmutzig, wie es kaum schmutziger ging. Wo sollten diese armen Teufel sie jetzt im Winter auch waschen? Das trostloseste Kapitel war das Schuhwerk. Kaum einer hatte noch einiger­maßen ganze Schuhe. Manche hatten sie mit Bindfaden zusammengebun­den, damit die Sohlen nicht aufklappten. Andere hatten alte Lumpen auf die jämmerlichen Halbschuhe und zerrissenen Strümpfe gewickelt, um nicht gar zu arg an den Füßen zu frieren. Kein Mensch reparierte natürlich ihr Schuhwerk oder gab ihnen gar neues; es war ja für die Deutschen draußen bei weitem nicht genug da.

Als der Zugwachtmeister uns um sich versammelte und zur Arbeit ein­teilte, ging es wiederum garnicht militärisch zu. Zuerst griff er die drei Polen heraus, die in meiner Zelle lagen: die beiden hochwüchsigen Blonden, die aussahen wie Friesen und Koval, den besonders sympathischen ruhigen

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