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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Wir drei Deutsche , Taube, ferner der Mann, den seine Frau in das Ge­fängnis gebracht hatte und ich, wir bildeten die letzte Reihe dieses Gefange­nenzuges. Für Taube als Stuttgarter Geschäftsmann, der dazu noch in der Nähe des Gefängnisses wohnte, war es besonders peinlich, so durch die be­lebten Straßen der Stadt geführt zu werden. Wir ließen ihn deshalb in der Mitte gehen. Ich mußte zwar auch damit rechnen, daß mich Bekannte in diesem Zug sahen, aber mir war es gleichgültig. Es sind von diesem Staat schon ganz andere Männer festgenommen worden als ich. Nicht wir müs­sen uns schämen, sondern diejenigen, die uns Verbrechern gleichstellen. Es dürfte wohl von allen Kulturstaaten einzig im neuen Deutschland vorkom­men, daß bisher unbescholtene Bürger, die noch nicht einmal verurteilt sind, in einem Gefangenenzug am hellen Tag durch die Straßen geführt werden. An einer Straßenbahn- Haltestelle der Innenstadt mußten wir uns aufstel­len. Nach Zuffenhausen ging es; das wußte ich von den drei Polen aus meiner Zelle. Die direkte Straßenbahn- Verbindung war durch Bomben­schäden in der lezten Nacht gestört; wir mußten über Cannstatt umfahren und mehrmals umsteigen. Es machte bei dem starken Morgenverkehr den begleitenden Polizeileuten Schwierigkeiten, die vorderen Plattformen der verschiedenen Straßenbahnwagen für uns räumen zu lassen. Überall sahen wir teilnahmsvolle und mitleidige Blicke auf uns Gefangene gerichtet. Die bleichen, hungrigen und ungepflegten Gesichter und die dürftige und schmutzige Kleidung gaben inmitten der anderen Menschen einen besonders traurigen Anblick; und die uns begleitenden vielen Wachleute ließen leicht Schlimmes vermuten.

Vor der Abfahrt in der Stadt war mit einigen weiteren Wachposten auch ein Vorgesetzter von ihnen zu uns gekommen, ein Zugwachtmeister. In Zuf­fenhausen , beim Weitermarsch zur Arbeitsstätte, fiel sein Blick auf uns drei Deutsche , die wir in der letzten Reihe gingen. Sofort kam er auf uns zu: ,, Sie sind heute auch zum ersten Male dabei", sagte er. Es klang auffal­lend freundlich, daß mir ordentlich wohl dabei wurde, denn seit der Erfah­rung mit dem Oberleutnant drinnen im Gefängnis erwartete ich von solchen höheren Polizeimännern uns Gefangenen gegenüber kaum etwas anderes als kurzen Befehlston und kalte Gleichgültigkeit.

Und bei seinen nächsten Worten entpuppte er sich völlig als Mensch: ,, Sie sind alle drei so gut angezogen. So kann ich Sie doch nicht arbeiten lassen. Es wäre ja schade um Ihre Kleidung."

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