Mann. Davon etwa vier oder fünf Deutsche , im übrigen wieder so ziemlich alle Nationalitäten Europas . Ja, sogar ein junger Deutsch-Amerikaner war darunter. Allerdings war bei ihm die Frage, ob deutscher oder amerikani- scher Staatsbürger noch nicht restlos geklärt: er war das uneheliche Kind
kurz vor Kriegsausbruch. in Amerika verbracht. Über ihn mußten wir manches Mal belustigt lachen. Wenn ihn ein Polizei-Beamter grob anfuhr, verzog er wie ein echter Yankee die Mundwinkel und sagte:„I am ameri- can!“ Anschließend murmelte er dann jedesmal eine Drohung mit dem Schweizer Konsulat, das nach dem Abbruch unserer Beziehungen mit USA . die Belange der Amerikaner in Deutschland wahrnahm. Das wiederholte sich während der folgenden Tage mehrmals. Daß es Eindruck auf die Wachtmeister machte, konnte ich allerdings nicht beobachten.— Später einmal, als ich mit ihm näher ins Gespräch kam, sagte er mir, man müßte die Möglichkeit haben, hier einen Foto-Apparat einzuschmuggeln, um heim- lich dieses Gefängnis innen zu fotografieren.
Taube, der ehemalige Genosse von Prof. K., den ich von der gemein- samen Fahrt zur Gestapo kannte, war auch mit herausgerufen worden. Er stand neben mir und flüsterte mir freudig zu:„Wir werden entlassen.“— Nein, so sah es mir nicht aus. Wir standen hier mit denen in Reih und Glied, die täglich zur Arbeit ausrückten. Alles sprach dafür, daß auch wir mit arbeiten mußten. Als bald darauf jedem ein Blechnapf und Eßlöffel in die Hand gedrückt wurde, schwand der letzte Zweifel.
Vorn am Tor warteten sechs Wachposten auf uns. Sie trugen die Uniform der Hilfspolizei und hatten Gewehre. Gleichgültig und harmlos sahen sie aus, ganz anders, als die teuflischen Schlüsselrassler im Gefängnis. Auf ihren Gewehren saßen noch die Mündungsschoner— die erschießen also keinen, wenn er fliehen will, dachte ich bei mir.
Und wie diese Männer ausahen, so waren sie auch. Das zeigte sich so- gleich, als sie den Gefangenenzug durch die Stadt führten. Mit erstaun- licher Nachsicht duldeten sie, daß die Gefangenen rechts und links aus der Reihe sprangen, um weggeworfene Zigarettenstummel aufzulesen. Manche Gefangene wagten es, schnell bis zum anderen Fußwege zu laufen, um einen zertretenen Stummel aufzuheben, ohne daß einer der Wachleute ernstlich dagegen einschritt. So gierig habe ich in meinem Leben Menschen nicht nach Brotresten langen sehen, wie diese Ausländer nach Tabak.
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