Erst als wir abends im Dunkeln wieder auf unseren Matratzen lagen und auch er endlich einschlafen mußte, verstummte sein Mundwerk.
Wie es sich für einen so feinen Mann gehört, zog er einen eleganten Schlafanzug an und stellte damit unseren vornehmen Jentsch in den Schat- ten, der, wie wit, in seiner Unterkleidung schlief. Die Wanzen und Läuse werden allerdings vor Drehers Schlafanzug ebenso wenig Respekt gehabt haben, wie wir Mitgefangenen. Er beachtete auch nicht meinen Hinweis, daß er im Schlafanzug bei Fliegeralarm in Druck kommen werde, weil wir uns ja dann völlig im Dunkeln schnell anziehen müssen.
Sogleich nach dem Wecken am nächsten Morgen setzte Dreher sein schreckliches Mundwerk wieder in Bewegung. Er hörte bis zum Abend nicht mehr auf. SO ging es auch die folgenden Tage. Zu meinem Unglück wählte dieser rücksichtslose Mensch mit Vorliebe mich als zuhörendes Opfer. Er setzte sich neben mich und sprach unablässig auf mich ein. Ich machte zunächst eine gleichgültige, später eine immer mehr abweisende Miene. Doch das störte ihn nicht im geringsten. Schließlich sprang ich mit deutlichem Unwillen hoch und ging auf und ab. Sofort stand er ebenfalls auf, ging dicht neben mir hin und her ohne in seinen Erzählungen auch nur einen Augenblick inne zu halten. Ich mußte hundert Einbruchsgeschichten mit allen schmutzigen Einzelheiten über mich ergehen lassen, von denen dieser Mensch irgend einmal gehört hatte. Dann berichtete er wieder von seinen Erlebnissen im Moor, von der Behandlung im Zuchthaus und von tausend anderen Sachen, wobei man nie wußte, wieviel davon wahr und wieviel er dazu geschwindelt hatte. Sein Redestoff war jedenfalls uner- schöpflich.
Verärgert setzte ich mich schließlich wieder, nahm eine Zeitung zur Hand und stellte mich so, als ob ich läse. Doch der Mensch hatte kein Gefühl für andere; er sprach ungeniert weiter. Ich wurde deutlicher und sagte laut:„Wie wäre es, wenn wir jetzt alle miteinander eine Zeitlang still wären.“ Aber das war noch viel zu rücksichtsvoll für diesen Kerl. Er tat, als ob er meine Worte überhaupt nicht gehört habe.
Man muß ihm grob und deutlich kommen, dachte ich hierauf.„Jetzt halten Sie doch endlich einmal Ihren Schnabel; Sie sehen doch, daß alle an- deren lesen oder Schachspielen und auf Ihr Gerede längst nicht mehr hören.“ Zornig hatte ich ihm das ins Gesicht geschrieen. Sichtbar war er darüber verdutzt und er schwieg wirklich ein paar Minuten. Doch dann
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