einem verbotenen Sender. Das mußte sie beschämt verneinen. Mein Mitleid mit dieser Person war jetzt vorbei. Ein Mensch, der eine solche Bagatelle hier bei der gefürchteten Gestapo vorbringt, um damit zwei unbescholtene Männer ins Zuchthaus zu bringen, der verdient nur Verachtung. Ich glaube, auch in den Augen von B. hatte sie mit dieser Angabe noch völlig verloren. Er dachte nicht daran, diese Sache näher zu prüfen oder gar schriftlich niederzulegen.
Eigentlich war das schade, denn, wie sich nach meiner Entlassung herausstellte, konnte ich gerade bei dieser Aussage die Unwahrheit einwandfrei festlegen. Es ergab sich nämlich, daß während der Zeit, als der betreffende Urlauber in Deutschland war, Berlin überhaupt keinen Angriff hatte, sondern an dem erwähnten letzten Urlaubstag war Stuttgart bombardiert worden. Deshalb hatte ich damals im Geschäft geäußert, der Urlauber könne vielleicht gar nicht mehr rechtzeitig nach Berlin zurückfahren. Das hatte dieses leichtfertige Fräulein in der Erinnerung durcheinander gebracht, und an eine so unklare Sache klammerte sie sich jetzt, um ihr Ansehen zu retten. Nun, Prof. K. und mir konnte sie mit ihrer Angabe nicht mehr schaden und sich selbst nicht mehr nützen. Herr B. hatte bereits die richtige Meinung von ihr, das merkte ich an der Art, wie er sie entließ.
Anschließend unterhielt er sich recht freundlich mit mir, im Gegensatz zu der Vernehmung am Morgen, wo wir uns auf den gleichen Plätzen noch feindlich und gespannt gegenüber saßen. Also konnte meine Verteidigungsschrift, soweit ich sie ihm bis jetzt übergeben hatte, keinen schlechten Eindruck auf ihn gemacht haben. Ich sah die Blätter vor ihm auf dem Tisch liegen. Wohl auch der Umstand, daß wir zwei diesmal ohne den Kollegen von B., der sonst immer alles mithörte, im Zimmer waren, hatte ihn bewogen, aus seiner vorgeschriebenen Beamten- Reserviertheit herauszugehen.
Nach meiner Meinung über jenes anklägerische Fräulein R. gefragt, sagte ich, es sei sonderbar, daß sie in dieser Sache plötzlich ihr nationalsozialistisches Gewissen entdeckt habe, obwohl sie doch kein Parteimitglied ist und auch schon Äußerungen habe fallen lassen, die nicht gerade von begeisterter Hingabe zu Hitler sprächen. Unverkennbar gehe es ihr nicht um eine politische Bereinigung, sondern lediglich darum, Herrn Prof. K., der sie wegen Pflichtverletzung an ihrem Arbeitsplatz wiederholt zur Rede gestellt hatte, eins auszuwischen. Alle ihre Angaben, ob wahr oder unwahr, entsprängen kleinlicher, niederer Rache.
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