Um fünfzehn Uhr kam sie herüber und schaltete das schöne Rundfunkgerät ein, das neben meinem Schreibtisch stand. Sogleich erschienen Damen und Herren aus anderen Zimmern. Wir hörten den Wehrmachtsbericht, der unter anderem den ersten schweren Großangriff auf Berlin vom vergangenen Abend bekanntgab. Niemand der Anwesenden sprach ein Wort, auch hinterher nicht. Das Schweigen war auffallend. Einige sahen recht verwundert auf mich fremden, unrasierten Menschen, der an diesem schönen Schreibtisch saß, als wäre es sein gewohnter Arbeitsplatz.
Bald nachdem ich mich wieder in meine Schreibarbeit vertieft hatte, kam B.:„ Herr Schumann, ich möchte Sie jetzt Fräulein R. gegenüberstellen." Es klang fast freundlich, gar nicht mehr in dem früheren Ton. Ich folgte ihm in sein Zimmer. Fräulein R. machte einen jämmerlichen, hilflosen Eindruck. Sichtlich verlegen blickte sie bei meinem Eintreten zu Boden. Ein Uneingeweihter, der uns beide jetzt so gegenübersitzen gesehen hätte, würde wohl gemeint haben, die Rollen seien vertauscht, sie sei die Angeklagte und ich der Kläger . Das ist Strafe genug für dieses dumme Ding, dachte ich bei mir und vielleicht tat sie mir mehr leid, als ich ihr.
Unsicher brachte sie auf Befragen von B. noch einmal vor, was in dem abgeschlossenen Protokoll bereits als haltlos festgelegt war: Prof. K. habe mir durch den Fernsprecher gesagt, der Kuban- Brückenkopf müsse geräumt werden. Heute wollte sie plötzlich wissen, das sei im deutschen Nachrichtendienst erst vierzehn Tage später bekannt gegeben worden. Da sie aber keinerlei Daten nennen konnte, legte B. ihren Angaben weiter keine Bedeutung bei.
Zum Schluß brachte sie etwas Neues hervor: An einem bestimmten Tage, da ein Arbeitskamerad, der von Rußland auf Urlaub da war, zurückfahren mußte, hätte ich schon mittags um ein Uhr gewußt, daß Berlin bombardiert worden sei. Ich hätte damals geäußert, der betreffende Urlauber könne vielleicht gar nicht mehr nach Berlin zurückfahren. Da der Wehrmachtsbericht aber erst um vierzehn Uhr die Nachricht von dem Angriff auf Berlin gebracht habe, könne ich meine Kenntnisse doch nur von einem ausländischen Sender haben.
Nun, auch das lag schon etliche Wochen zurück. Ich konnte mich tatsächlich nicht mehr entsinnen. Schließlich fragte ich sie, ob sie sich vergewissert habe, daß diese Mitteilung nicht schon im Morgennachrichtendienst gekommen sei, bevor sie kurzerhand behaupte, die Nachricht käme von
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