Doch mein Erstaunen wurde immer größer. Er hielt mir sein geöffnetes Zigaretten-Etui entgegen.„Da bitte!" Da ich als Nichtraucher ablehnte, beeilte er sich, mir eine Tüte zu reichen:„Aber einen Apfel werden Sie essen.“ Dankend und freudig griff ich zu, während B. sonderbar lächelnd daneben stand.
„Kennen wir uns?”, fragte ich den Fremden, noch immer voll Erstaunen über diese unerwartet freundliche Behandlung.:
„Herr Sch....!“ Freudig rief ich es aus, als ich ihn endlich wiederer- kannte. Und jetzt drückte ich ihm herzlich die Hand, während B. hinaus- ging und uns allein ließ. Es waren allerdings etliche Jahre her, daß wir uns nicht gesehen hatten. Seinerzeit, als meine Frau noch ledig war, hatte sie in Ulm bei dieser Familie gewohnt. Durch die sonntäglichen Besuche bei meiner Braut lernte ich auch diesen Herrn Sch. kennen. Er war damals Kriminalbeamter. Von meiner Frau, die mit der Gattin noch im Briefwech- sel stand, hörte ich einmal, daß der Mann an die Ostfront gekommen war. Wie er mir jetzt sagte, war er erst vor wenigen Wochen von Rußland zu- rückgekommen und hier bei der Stuttgarter Gestapo eingesetzt worden.
„Gestern war Ihre Frau hier bei mir“, erzählte er mir zu meinem weiteren Erstaunen.„Sie hat mir alles berichtet. Rein zufällig hatte sie drunten in der Anmeldung meinen Namen gehört, als sie meinen Kollegen B. sprechen wollte. Natürlich ließ sie sich sogleich bei mir melden. Ganz gebrochen kam sie hier herein, konnte vor Tränen anfangs überhaupt nicht sprechen, und es dauerte einige Zeit, bis ich einigermaßen wußte, um was es sich in Ihrem Fall handelt. Wie Frauen in solchen Fällen sind, sah sie schon Ihren Kopf rollen. Na, wir haben sie wieder aufgemöbelt, nicht wahr, Fräulein?“ Und durch die offene Tür antwortete im Nebenzimmer eine Damenstimme:„Ja.“
„Sie hat mir auch die Bilder von Ihren Kindern gezeigt“, fuhr er dann fort,„nette Buben. Ich muß doch Sonntags einmal einen Besuch bei Ihnen machen und sie mir in Natur ansehen.“
Mir wurde immer wohler, als ich diesen sympathischen Menschen so lie- benswürdig plaudern hörte. Es war zweifellos ein ganz unerhörter Glücks- fall für mich, daß er vor kurzem ausgerechnet zur Stuttgarter Gestapo ver- setzt worden ist, daß ferner meine ahnungslose Frau gestern zufällig hier
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