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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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ser Fahrt erlebte ich es: Todesangst!, richtige Todesangst. Wenn der Wagen jetzt eine Panne bekommt oder aus irgend einem anderen Grund unterwegs längere Zeit stehen bleiben muß, so sagte ich mir, dann ersticken wir alle mit Naturnotwendigkeit. Vielleicht aber überstehen wir nicht einmal so diese kurze Fahrt. Achtunddreißig Mann in einen solchen kleinen Kasten­raum gepreßt, das ist unvorstellbar und doch Tatsache.

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Herrgott, es gibt Tierschutzvereine; sie achten darauf, daß Vieh auf Transportwagen nicht zu eng verladen wird aber mit Menschen darf man alles tun, wenn sie Gefangene sind. Wir brauchen Menschenschutz­vereine.

Wenn jetzt wirklich einige von uns ersticken, wer fragt schon viel danach? Die Angehörigen werden eine kurze Mitteilung mit verlogener Angabe über die Art des Todes erhalten, die schuldigen Beamten vielleicht eine Diszipli­narstrafe. Das wird alles sein. Keine Zeitung gibt es im großen deutschen Reich, die mit einem Wort der Empörung über einen solchen Fall berichten dürfte, keine Partei, die sich dieser himmelschreienden Sache annehmen und kein Parlament, auf dem es zur Sprache kommen könnte.

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Die Sekunden wurden uns zu Stunden, die Minuten zur Ewigkeit, wäh­rend der Wagen langsam durch die Stadt fuhr. Endlich, endlich, hielt er vor dem Gebäude der Gestapo . Wie Menschen, die nach langem, schwä­chendem Krankenlager zum ersten Mal wieder aufstehen, schwankten und taumelten wir heraus. Beamte der Gestapo und ihre weiblichen Bürokräfte, die jetzt um acht Uhr morgens zum Dienst gingen, bildeten eine Gasse, durch die wir gehen mußten. Einige von den jungen Damen lächelten höh­nisch und erhaben, als die von dieser Fahrt mitgenommenen bleichen Ge­stalten, die sich zum Teil kaum aufrecht halten konnten, an ihnen vorüber­geführt wurden.

Es ging zunächst in den mit Anzeigen- Annahme bezeichneten Nebenraum. Die verschüchterten und verängstigten Ausländer wurden hier wiederum mit Püffen und Stößen in Reih und Glied gebracht; wir Deutsche konnten uns etwas abseits stellen. Die weiblichen Gefangenen durften auf einer Bank sitzen.

Nach und nach erschienen die einzelnen Sachbearbeiter, die sich ihre Ge­fangenen wegholten, teils einzeln, teils mehrere auf einmal. Es war für mich dabei interessant, die verschiedenen Gestapo - Beamten kennen zu lernen. Wenn uns Gefangenen auch das Sprechen verboten war, die Augen und

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