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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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gleichen Jammer wendete, sagte ihm, nachdem vernünftiges Zureden nicht half, laut und eindringlich das bekannte Wort, das Götz von Berlichingen seinem Kaiser sagen ließ.

Doch er konnte und wollte nicht einsehen, daß es hier in der Zelle nichts Besseres für ihn zu tun gab, als gleich uns geduldig abzuwarten, was das Schicksal bringt und seinem guten Stern zu vertrauen. Ich sagte ihm, daß er mit seinem ewigen Fragen und Jammern sich seelisch noch ruiniere und dann vielleicht wirklich den Eindruck eines Psychopathen mache, wenn er zur ärztlichen Untersuchung oder zu einem neuen Verhör geführt würde. ,, Deshalb", munterte ich ihn nochmals auf, Kopf hoch! Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten! Schachspielen, Lesen und sich zu vergessen suchen!" Die anderen seien ja auch wohlgemut, obwohl sie zum Teil, wie jener Fahr­raddieb, wüßten, daß ihnen sogar Zuchthausstrafe bevorstehe.

Wenn man so mit ihm sprach, sah dieser Arme das verstandesmäßig wohl ein, er nickte zustimmend mit dem Kopf; gleich darauf brach er aber erneut in Tränen aus. Er hatte nun einmal nicht die seelische Kraft zum Widerstand. Wir konnten sie ihm durch unser Beispiel und unsere Worte ebensowenig geben, wie ein Athlet einen körperlichen Schwächling durch sein Vorbild zu den gleichen Kraftleistungen bringen kann.

Sein hilfloses, unselbständiges und anlehnungsbedürftiges Wesen war allerdings auch ein Erziehungsfehler. Man merkte ihm an, daß er gewöhnt war, sich nur bedienen zu lassen und selbst keinen Handgriff zu tun. Wenn man, wie er uns sagte, der Gestapo angezeigt hatte, er ließe sich täglich das Frühstück an das Bett bringen und auch sonst in jeder Beziehung verwöh­nen und verweichlichen, so war das sicherlich nicht aus der Luft gegriffen. Er konnte bisher eben für sein Geld so ziemlich alles haben, und das ist für keinen Menschen gut.

So wurden ihm auch hier in das Gefängnis vom zweiten Tag an reichlich Lebensmittel geschickt, und was für feine Sachen: raffinierte Salate und Delikatessen verschiedenster Art, wie er es wohl liebte. Natürlich sagte ihm die Gefängniskost nun überhaupt nicht zu. An sich wäre es kein Fehler ge­wesen, wenn es auch für ihn einmal geheißen hätte: Vogel friß oder stirb. Allerdings, er war ein kranker, hilfsbedürftiger Mensch, das durfte man bei allem nicht vergessen. Eine Besserung konnte, falls überhaupt möglich, nur nach längerer Zeit durch systematische, mühevolle Arbeit erzielt wer­den. War der Gegensatz vom bisherigen Leben draußen zum Dasein in die­

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