Also geht man in Stuttgart in das ehemalige Hotel Silber zur Gestapo und zeigt diesen Menschen an. Selbstverständlich erwähnt man nichts davon, daß man Wert auf die Wohnung legt. Nein, so dumm sind die Betreffen- den nicht. Es waren, wie gesagt, gute Nationalsozialisten. Also erzählten sie, daß dieser Herr Jentsch ein Plutokrat und eine Drohne sei, nichts arbeite, sich den ganzen Tag bedienen lasse und obendrein noch abfällige Bemer- kungen über das Dritte Reich gemacht habe. So hat er in der Erregung gesagt:„Wegen Euch verdammten Nazis kann ich jetzt nicht nach Paris und Amerika reisen.“
Das alles wurde in Stuttgart ausführlich zu Protokoll gegeben, wie es sich für einen gewissenhaften Nationalsozialisten geziemt. Eines Tages er- schien daraufhin bei dem ahnungslosen Jentsch ein Kriminalbeamter. Der Mann war freundlich und nett, erzählte von der Anzeige, die vorläge, stellte einige Fragen und sagte, nachdem er die Antwort befriedigt aufgeschrieben hatte, daß die Angelegenheit damit wohl erledigt sein dürfte. Vielleicht glaubte er es selbst, zumindest wünschte er es wohl.
Wochen vergingen. Jentsch und seine ihn betreuende Tante, die oft aus Stuttgart zu ihm kam, glaubten immer mehr, daß mit dieser Vernehmung alles erledigt sei, zumal sie beide in ihrem sorglosen Dahinleben der Sache von Anfang an keine große Bedeutung beigelegt hatten. So nahmen sie es auch nicht sehr ernst, als Jentsch eines Tages eine schriftliche Vorladung zur Vernehmung bei der Gestapo in Stuttgart erhielt. Die Tante hielt es allerdings für ratsam, mitzufahren. Dieser sensible, unselbständige Mensch brauchte ja auf jeden Fall eine Unterstützung, wenn er vernommen wird.
Sie als Gattin eines hohen deutschen Offiziers würde schon den richtigen Eindruck auf die Gestapobeamten machen und die nötige Auskunft geben.
So hatte sie gehofft. Doch die Herren in Stuttgart interessierten sich nur für Herrn Jentsch und wollten von der Tante nichts wissen. Es war eine Tortur ohnegleichen, was er hier erlebte. Ein Mensch, den das rätselhafte W/alten der Natur so werden ließ wie ihn: nicht Mann, nicht Weib, kein Kind mehr und doch kein Erwachsener, ist an sich vielleicht schon be- dauernswerter als ein Blinder oder einer mit anderen auffallenden körper- lichen Gebrechen, denn er ist seelisch außerordentlich empfindsam. Es läßt sich denken, wie sehr er leidet, wenn ihn überall die Menschen ansehen, als sei er ein Wesen von einem fremden Stern, oder wenn ärztliche Autoritäten
ihn mit allen Mitteln neuzeitlicher Forschung immer wieder untersuchen.
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