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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Kriminalbeamten zur Haussuchung in seine Wohnung fahren. Auch am folgenden Tag wurde diese Untersuchung fortgesetzt. Man hat ihm aber wohl nichts nachweisen können, denn am Dienstag wurde er wieder ent­lassen. So schien es doch wahr zu sein, was er uns gegenüber von Anfang an behauptet hatte: daß er das unschuldige Opfer eines Racheaktes von einem niederträchtigen Weibsbild war.

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Im Laufe des Montag Vormittag rief dann ein Wachtmeister beim schnel­len Öffnen der Zellentür fragend herein, ob jemand den evangelischen Pfar­rer zu sprechen wünsche. Er gab uns nicht lange Zeit zum Besinnen, sondern schlug die Tür wieder zu, bevor ich überhaupt begriffen hatte, was er wollte. ,, Bei dem hätten Sie sich melden sollen", sagte Rößler zu mir ,,, er kann Ihre Frau benachrichtigen und auch sonst viel für Sie tun." Nein, ich will nicht zu den Menschen gehören, die sich nur in der Not an den Pfarrer klammern. Später kam dann nacheinander weiterer Zugang in unsere Zelle. Der erste war ein Fahrraddieb. Anscheinend betrieb er den Fahrraddiebstahl ge­werbsmäßig, denn er hatte schon einige einschlägige Vorstrafen hinter sich. Er war sich bewußt, daß es diesmal eine ordentliche Zuchthausstrafe geben würde, da er rückfällig war und den Diebstahl unter Ausnützung der Ver­dunkelung begangen hatte. Doch er sah mit erstaunlicher Ruhe und Gelas­senheit seinem weiteren Schicksal entgegen. Die Zeit vertrieb er sich haupt­sächlich mit Schachspielen, wobei er sich bald den Titel des Schachmeisters in der Zelle errang.

Der zweite Neuling, ein junger Mann in dürftiger Kleidung, ohne Mantel und Kopfbedeckung, hatte versucht, im Gedränge vor einem Lichtspiel­theater einer Frau den Geldbeutel mit einigen Mark Inhalt zu stehlen, ob­wohl er, wie er uns versicherte, das Geld gar nicht brauchte. Von einem Kriminalbeamten, der den Vorgang zufällig beobachtet hatte, sei er sofort festgenommen worden. Einige Zellengenossen erklärten auf seinen Bericht hin, daß eine solche Dummheit mit Recht bestraft werden müsse. Lebens­mittelmarken klauen", sagte Rößler, das kann ich allenfalls verstehen, oder irgendwelche anderen Wertsachen aber Geld!, lumpiges Geld, mit dem man heute doch nichts mehr anfangen kann, das ist mehr als dumm." Der Dieb nannte sich daraufhin selbst einen Idioten. Doch es zeigte sich, daß er sonst durchaus nicht beschränkt war. Er kannte sich in den Strafbestim­mungen und Gerichtsverfahren aus wie ein alter Jurist und erwies sich auf vielen Gebieten als sehr belesen. Auch Schachspielen konnte er gut.

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