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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Ich entzifferte die Aufschrift, die an der Mattscheibe der Tür von draußen als Spiegelschrift durchschimmerte: Anzeigen- Annahme. So bequem also wird es denen gemacht, die irgend einen lieben Bekannten verdächtigen oder verleumden wollen, die einen verhaßten Gegner, dem sie sonst nicht beikom­men können, politisch eins auswischen oder für immer unschädlich machen wollen. ,, Anzeigen- Annahme!" Man geht hierher, erzählt dem Beamten da am Schreibtisch, daß der Betreffende sich über einen führenden politi­schen Mann miẞliebig geäußert habe, oder daß er über den Kriegsausgang eine pessimistische Meinung zu erkennen gegeben habe, oder daß er einen politischen Witz, der nicht schmeichelhaft für die heutigen Machthaber ist, weitererzählt habe und schon wird der Verhaßte von der Gestapo geholt. So einfach ist es heute, einen Menschen, den man nicht leiden kann, ins Ge­fängnis, wenn nicht gar ins Zuchthaus zu bringen. Man muß nur aufpas­sen, daß man selbst einigermaßen hasenrein ist, seine eigene politische An­sicht klug für sich behalten und bei den Witzen der anderen nur lachen, keinen selbst erzählen, damit der Angezeigte einen nicht belasten kann. Für­wahr, es ist schon so, wie der Volksmund sagt: Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.

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Gerade hier bei der Gestapo werden wohl diejenigen Menschen, die aus echter nationalsozialistischer Entrüstung einen anderen anzeigen, nicht sehr zahlreich sein. Die meisten Anzeigenden treiben Haßgefühle, Rachsucht und andere niedere Beweggründe hierher. Diese Menschen gehörten in erster Linie eingesperrt.

Zwölf Uhr schlug es irgendwo. Draußen in der Halle gingen die Beam­ten des Hauses und die vielen weiblichen Bürokräfte vorüber zum Essen. Auch eine Gruppe Gefangene, Männer und Frauen, meist Ausländer, wur­den hinausgeführt. Um mich kümmerte sich kein Mensch. Nach einiger Zeit fragte mich der Mann am Schreibtisch, auf wen ich eigentlich

warte.

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?"

Wenn er es nicht weiß, ich weiß es gleich gar nicht. Er versucht, Herrn B. anzurufen, um zu erfahren, was ich hier soll. B. ist bereits zu Tisch. Alle Herren sind zu Tisch. Niemand im Haus weiß Bescheid, was mit mir anzufangen ist. Wenn ich vor einigen Minuten in aller Ruhe durch die Glastür gegangen wäre, und dann mit dem Strom der zu Tisch flutenden Beamten hinaus auf die Straße, niemand hätte mich vermutlich daran ge­hindert. Kein Mensch konnte mir ansehen, daß ich ein Gefangener bin.

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