Druckschrift 
Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
Seite
48
Einzelbild herunterladen

bewundernd vor ihm. Das heutige Deutschland aber findet in der ganzen Kulturwelt nur Verachtung und Abscheu, weil es in seinem blinden, rück­sichtslosen Streben nach äußerer Größe, nach Macht und politischer Gel­tung die Menschlichkeit miẞachtet, der allein unvergängliche Kulturwerte' entspringen.

So etwa führte ich aus. B. und auch der andere Beamte hatten aufmerk­sam zugehört, so daß ich mir einbildete, sie gäben mir innerlich recht. Doch sie schwiegen wohlweislich zu dem, was ich sagte.

Ich setzte dann noch hinzu: Und ich glaube, ich bin bei weitem nicht der einzige Deutsche, der mit ohnmächtigem Ingrimm zusieht, wie sich sein ge­liebtes Volk immer tiefer in die falsche Richtung verirrt. Heute ist bei uns nicht nur, wie in früheren dunklen Jahrhunderten, das freie Wort und die freie Rede verboten, wofür so viele große Deutsche gelitten und gestritten haben, heute sucht man sogar die Geistesfreiheit, dieses urewige Menschen­recht, zu unterdrücken, sonst würden Sie mich nicht wegen meiner aufge­schriebenen Gedanken bestrafen wollen. Die Gedanken aber sind und blei­ben frei!"

sprang

auf

B. sah nach der Uhr. Es war kurz vor zwölf geworden. Er und hieß mich ihm zu folgen. Wir gingen hinunter in die Halle. Von hier jedoch nicht durch die Eingangstür hinaus auf die Straße und zurück zum Gefängnis, wie ich vermutet hatte, sondern in einen Raum neben dem Ein­gang. Zu einem Herrn, der hier am Schreibtisch saß, sprach B. ein paar Worte, die ich aber nicht verstand. Dann ging er davon. Ich wartete.

Es schien hier so eine Art Empfangsraum zu sein, wenn auch nicht mehr so geschmackvoll und elegant ausgestattet, wie wohl dereinst, als das Ge­bäude noch Hotel Silber war, aber immerhin, wie alles in diesem Hause, recht behaglich und gediegen; für eine Polizeidienststelle wohl ungewöhnlich. Man braucht zum Vergleich nur an die nüchternen, mit altpreußischer Spar­samkeit eingerichteten Wachstuben und Amtszimmer der regulären Polizei zu denken.

Der Herr hier am Schreibtisch, der dauernd mit den einzelnen Stellen im Hause telefonierte, machte seinem biederen Aussehen und seiner guten Klei dung nach auch eher den Eindruck eines Empfangschefs in einem Hotel, als den eines Polizisten. Es herrschte hier überhaupt ein ähnlich lebhafter Be­trieb wie in einem Hotel. Dauernd gingen Leute ein und aus, meist wohl Beamte des Hauses.

48