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,, Sie wollen damit aber doch etwas ausdrücken!- Wen meinen Sie denn mit den Richtern und Henkern?"
Ich schwieg.
,, Na, haben Sie die Sprache verloren?"
„ Ich will es Ihnen sagen", begann ich jetzt, denn es schien mir nunmehr ratsam, mit dem Mann offen und freimütig zu sprechen; der Spruch war nun einmal in seinen Händen und es gab daran nichts mehr zu ändern und zu deuteln.„ Den Vers habe ich einmal beim Lesen der Tageszeitung verfaßt. Ich las die Ausführung irgendeines Zeitungsschreibers, daß wir Deutsche nicht mehr wie früher das politisch unbedeutende Volk der Dichter und Denker sein wollen, sondern Anspruch auf Macht, Geltung und Besitz erheben. Auf dem gleichen Zeitungsblatt stand ein Gerichtsbericht, wonach ein Mann aus politischen Gründen hingerichtet worden ist. Ich glaube, es war ein Bibelforscher, genau weiß ich das aber nicht mehr. Wie Ihnen das Datum auf meinem Zettel zeigt, liegt das ja auch schon Monate zurück. Beim nachdenklichen Lesen dieser beiden Zeitungsartikel kam mir der Gedankenblitz des Verses, den ich mir aufschrieb.
Sie wollen also damit ausdrücken, daß Sie mit der Verurteilung solcher Staatsverbrecher nicht einverstanden sind?"
,, Auf jeden Fall nicht mit einer so furchtbaren Strafe. Sie mögen darüber anders denken. Ich bin wahrscheinlich ein empfindsamerer Mensch. Dafür kann ich nicht. Ich habe seelische Schmerzen, wenn ich lese, daß ein Familienvater, der mutig zu seinem Glauben stand, hingerichtet worden ist. Und Sie werden besser wissen als ich, daß ich mit dieser Auffassung nicht allein dastehe, ja, ich möchte behaupten, Sie entspricht dem gesunden Volksempfinden."
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Ich glaubte zu fühlen, daß ihm diese Bemerkung peinlich war. Er erwiderte nichts. Aber er schrieb und schrieb. Zwei große Bogen hatte er bereits vollgeschrieben und jetzt nahm er ein neues Blatt.
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So viel hatte ich ja gar nicht gesagt! Er machte wohl noch seine eigenen Bemerkungen dazu. Aber man wird ja schließlich auch hier bei der Gestapo nicht umhin können, mir das Protokoll vorzulesen und unterschreiben zu lassen, bevor man mich verurteilt.
Jetzt entzifferte er einen anderen meiner Zettel:
Der Unfehlbarkeitsfimmel war schon unter Wilhelm II. unser Fluch. Es versteht sich, daß ein militärischer Vorgesetzter keinen Widerspruch von
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