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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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meisten Gefangenen nicht den Eindruck hatte, daß man sich rein mensch­lich gesehen in schlechter Gesellschaft befand. Im Gegenteil: wenn man einen Vergleich mit den Leuten anstellte, die draußen im Gang mit dem Schlüsselbund auf- und abliefen, und mit denen, die für das Einsperren ver­antwortlich waren, da konnte man geneigt sein, anzunehmen, hier im Ge­fängnis sitzen die Anständigen und Rechtschaffenen und draußen sind die Verbrechernaturen.

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Allerdings, Anhänger von Adolf Hitler waren die Leute nicht hier in der Zelle, keiner. Wehe, wenn ein Gestapo - Beamter die Unterhaltung mit angehört hätte, die sich im Anschluß an die empörende Behandlung des weggeführ­ten Lammer entsponnen hatte! Anfangs trug ich Bedenken, es könne ein Spitzel mit in der Zelle sein, der die Gefangenen auszuhorchen habe, wie es ein alter Kriminalistentrick ist. Aber soviel Menschenkenntnis glaubte ich zu besitzen, um bald beruhigt feststellen zu können, daß keiner der Zellen­genossen ein solch falscher Kerl war; es beteiligten sich alle an der Unter­haltung, und man merkte, daß jeder ehrlichen Herzens voll echter Empö­rung schimpfte.

Der Schneider aus G. entpuppte sich als ein kirchenfrommer Mann, der der Evangelischen Kirche nach dem Krieg einen neuen starken Auftrieb prophezeite. Rößler gab ihm recht. ,, Es ist klar", sagte ich.

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دو

wenn der

Krieg ungünstig ausgeht, dann werden auch die letzten gläubigen Anhänger von Adolf Hitler erkennen, daß der Nationalsozialismus keine Religionsge­meinschaft ersetzen kann. Gerade im Unglück aber klammern sich die Men­schen gern an einen überirdischen Halt. Nach dem letzten Krieg liefen sie in Scharen zweifelhaften Winkelpredigern, Sterndeutern und anderen Wahr­sagern nach, weil die Kirche damals nicht fähig war, die am Christentum irregewordenen Massen wieder in ihre Richtung zu lenken. Allerdings hat auch hier die kirchenfeindliche Propaganda der Linksparteien viel mitge­wirkt. Da die Kirche diesmal den Krieg nicht wieder gutheißt und da sie die jetzige Staatsführung innerlich ablehnt, so wird sie zweifellos gewinnen. Mancher Abtrünnige, mancher enttäuschte Nationalsozialist und manche schwankende Gestalt wird zu ihr zurückkehren."

Durch solcherlei anregende Unterhaltung verlief die Zeit rasch. Gegen zehn Uhr rasselten wieder Schlüssel und Riegel an der Tür." Schumann raus!", rief diesmal der Wachtmeister zu meiner Überraschung. Schnell nahm ich Hut und Mantel, wobei ich es auf Grund des Erlebnisses mit Lam­

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