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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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land geboren bin, wo solche Zustände unmöglich sind, wo es Gerichte und öffentliche Rechtsprechung gibt.

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Und nun ist mein deutsches Vaterland ein ebensolcher Willkürstaat ge­worden, wie das seinerzeitige finstere Rußland : es sperrt unbescholtene, an­ständige Familienväter kurzerhand ein, ohne nach Recht und Menschlichkeit zu fragen. Und hier müssen sie durch dieses Scheusal von Polizeibeamten eine Behandlung über sich ergehen lassen, als wären sie Raubmörder oder andere gemeingefährliche Verbrecher. Herrgott, wohin treiben wir?

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Zur Ehre der anderen Wachtmeister in diesem Gefängnis sei hier er­wähnt, daß O. der einzige war, der Schlüssel und andere Gegenstände auf die beschriebene Weise in die Zelle warf. Alle anderen gaben sie einem Gefangenen, der der Tür gerade am nächsten stand, in die Hand. Brutal und rücksichtslos waren allerdings die meisten.

Einer hob sich sehr angenehm ab. Alle Gefangenen lobten ihn. Er zeigte im Gegensatz zu den Schreiern und Peinigern nicht nur ein ruhiges, be­herrschtes Wesen, sondern vor allem auch ein mitfühlendes Herz, wie ich später noch darlegen werde. Es war jener Wachtmeister, der gerade Dienst hatte, als ich von dem Gestapo - Beamten eingeliefert worden war. Sein an­ständiges, rücksichtsvolles Benehmen machte schon da einen guten Eindruck auf mich. Schade, daß ich den Namen dieses braven Mannes nicht weiß; gern würde ich ihn hier rühmend hervorheben.

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Doch zurück zum morgendlichen Ablauf der Geschehnisse in der Zelle. Den hereingeworfenen Besen hatte einer der jüngeren Gefangenen ergriffen und die Zelle damit gefegt. Als dann die Tür aufging, flogen ein kleiner Handbesen und eine Kehrichtschaufel herein. Der zusammengefegte Schmutz wurde in einen draußen bereitstehenden Eimer gebracht.

Wieder rasselten nach einiger Zeit die Schlüssel an der Tür. Wieder wur­den die Riegel zurückgeschoben. Wieder stellten wir uns zum wievielten Male schon am Morgen? in Doppelreihe vorschriftsmäßig auf. Diesmal mußte ein Eimer mit warmem Wasser und Scheuerlappen hereingenommen werden. Sogleich machte sich einer daran, den Fußboden aufzuwischen. Dann war die Tagesarbeit der Gefangenen getan.

Man hätte jeweils die Uhr danach stellen können, so pünktlich und gleich­mäßig rollten jeden Morgen diese einzelnen Phasen ab. Im Organisieren und Einhalten solcher Anordnungen sind wir Deutsche nun einmal hervor­ragend. Im seelischen Miterleben und im Einfühlen in das Wesen anderer

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