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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Kaum war der Krug mit frischem Wasser und der leere Abortkübel in der Zelle, da schlug der Wachtmeister die Tür wieder zu und schaltete das Licht aus: Knack! Da saßen wir wiederum in unserer Dunkelheit. Doch wie am Abend vorher, so waren wir auch jetzt alle froh, wieder das Fenster öffnen zu können. Von draußen kam zwar feuchtkalte Luft herein; man­cher fröstelte; doch keiner wünschte das Fenster lieber geschlossen. Der Ur­heber des Berliner Sprichwortes: warmer Mief sei besser als kalter Ozon, wäre in unserer Zelle sicher auch eines anderen belehrt worden und hätte mit uns lieber etwas gefroren, als diese stinkige Dickluft einzuatmen.

Draußen am Himmel begann es zu dämmern. Allmählich konnte man in der Zelle die Umrisse der Gegenstände erkennen und lief nicht mehr Gefahr, beim Hin- und Hergehen mit einem anderen zusammenzustoßen.

Gegen sieben Uhr wurde das Licht wieder eingeschaltet. Die drei Polen , die zum Arbeiten wegmußten, bekamen ihre Frühstücksportionen: jeder ein Stück Kommißbrot und eine Schüssel voll brauner Kaffeebrühe. Bald dar­auf rief sie der Wachtmeister heraus.

Jetzt flog ein langer Stubenbesen in die Zelle. Ohne ein Wort zu sagen, ohne uns auch nur mit einem Blick zu würdigen, warf der verhaßte Wacht­meister O. den Besen auf den Boden, wie man einem räudigen Hund etwas zuwirft und ängstlich vermeidet, mit ihm in Berührung zu kommen. Für­wahr, diesem rohen, gefühllosen Kerl bedeuteten wir Menschen in der Zelle hier weniger, als dem Wärter eines Zoologischen Gartens die Raubtiere. Jeder Handgriff für uns war ihm zuviel; er hatte für die Gefangenen nur böse Blicke, Schimpfworte und Schläge.

Man muß sich dabei immer wieder vor Augen halten, alle Gefangenen hier befanden sich nur in Polizeihaft, keiner war verurteilt. Und im national­sozialistischen Deutschland festgenommen und in ein solches Gefängnis ge­steckt zu werden, sei es auf Grund einer Verleumdung, sei es auf Grund eines falschen Verdachtes, das konnte wahrhaftig dem Besten geschehen.

Ich entsann mich, daß dereinst, als ich noch Kind war, meine Mutter mir verächtlich von Rußland erzählte, dort würden die Menschen, besonders politisch miẞliebige, ohne Verhör und Gerichtsurteil, einfach in den Kerker geworfen. Jenes Gespräch mag nun seine 35 Jahre zurückliegen; es han­delte sich um das alte, zaristische Rußland . Lange Zeit war daraufhin für mich Rußland der Inbegriff der Rechtlosigkeit. Ich hatte Abscheu vor die­sem Land und dankte Gott , daß ich in dem geliebten und herrlichen Deutsch­

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