nicht bald vier Uhr sei. Er erwartete Essen, das ihm seine Frau täglich hier in das Gefängnis brachte. Es war erlaubt, sich Lebensmittel, Wäsche und verschiedene Gebrauchsgegenstände bringen zu lassen, nur mußte man von einem Oberleutnant, der täglich die Zellen inspizierte, die Erlaubnis erbitten, seine Angehörigen benachrichtigen zu dürfen.
Kurz vor vier Uhr brachte der Wachtmeister dann auch richtig einen Handkorb mit Lebensmittel für Rößler. Jedes Stück nahm der Polizeibeamte einzeln heraus und untersuchte es, ob nichts Unerlaubtes darin versteckt sei. Alles stellte er auf den Tisch. Ein Glas Marmelade, Pfannkuchen, gebratenes Fleisch und andere leckere Sachen, nach denen alle Insassen der Zelle begehrliche Augen machten.
Es gehört schon eine ganz abgebrühte, egoistische Natur dazu, wenn einer mit Behaglichkeit und Genuß hier zu essen vermag, wo alle anderen Zellengenossen mit hungrigem Magen dicht ringsum sitzen und schmachtend jeden Bissen genau beobachten. Andererseits bliebe dem Betreffenden nicht mehr viel, wenn er jedem ein annehmbares Stück abgeben wollte. Rößler hatte Erfahrung. Er half sich so aus der Klemme, daß er einige Kleinigkeiten verteilte, während er selbst tüchtig aß, die Hauptstücke und guten Sachen jedoch einstweilen im Wandregal verstaute. Später, am Abend, als es in der Zelle dunkel war, aß er dann rasch alles auf. Sicherlich haben die anderen Gefangenen das genau so bemerkt, wie ich, aber keiner konnte im Dunkeln sehen, wie es ihm schmeckte, und er wiederum brauchte nicht in die hungrigen, neidischen Augen der anderen zu sehen.
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Die Lebensmittel standen noch auf dem Tisch, als die Riegel draußen wieder bewegt wurden. Das schnelle Aufstellen in zwei Reihen war für mich nun schon nichts Neues mehr; mechanisch wie die anderen machte ich es mit. Diesmal trat der Polizei- Oberleutnant ein, begleitet von dem Wachtmeister mit dem Schlüsselbund. ,, Achtung!" kommandierte Rößler, der in der ersten Reihe vorn stand. Und dann meldete er:„ Zelle 4 belegt mit neun Mann!"
Der Oberleutnant hatte ein unfreundliches Gesicht.„ Macht mal das Fenster auf", sagte er gleich an der Tür ,,, hier stinkts ja, daß man es nicht aushalten kann." Dann ging er in die Zelle und sah flüchtig umher, ob alles in Ordnung war. Als er die Lebensmittel auf dem Tisch sah, sagte er zu Rößler: Hat Ihnen Ihre Frau schon wieder Essen gebracht! Sie haben eine viel zu gute Frau. Wenn ich im Gefängnis wäre, mir brächte meine Frau nichts. Ich würde mich auch schämen."
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