„Warum hat man Sie geholt?“, fragte jetzt der Sprecher wieder, und alle Augen hingen gespannt an meinen Lippen. Ich erzählte die Rundfunkange- legenheit. Von meinen politischen Aufschrieben schwieg ich jedoch.
Kaum hatte ich geendet, da begann ein lebhaftes Besprechen, welche Strafe ich zu erwarten hätte. Ich staunte über die Erfahrungen und Kennt- nisse der meisten. Wie im Dienst ergraute Richter wogen sie das Für und Wider gegeneinander ab, als gälte es, in höchster Instanz das Strafmaß fest- zusetzen. Doch sie wurden nicht einig. Während einige meinten, es könne nicht schlimm für mich werden, neigten andere zu der Ansicht, daß mir in der Rundfunksache Zuchthaus sicher sei.
„Die bekommen schon aus Ihnen heraus, was sie wissen wollen“, sagte einer.„Und wenn man einmal Verdacht hat, daß Sie selbst ausländische Sender gehört haben, dann preßt man es aus Ihnen auch noch ganz heraus. Warten Sie nur, Sie lernen die Gestapo noch kennen.— Wenn Sie gar- nichts gestehen, steckt man Sie als politisch Verdächtigen einige Monate nach Welzheim .“:
Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß in Welzheim ein gefürchtetes Kon- zentrationslager ist.„Lieber zwei Jahre Gefängnis, als ein Jahr Welzheim “, sagte einer, der es aus eigener Erfahrung kannte.„Viel Arbeit, viel Prügel und wenig zu essen dort.“—
„Und warum sind Sie hier?“, fragte ich jetzt den, der sich zuerst an mich gewendet hatte. Er führte am meisten das Wort, und ich merkte, daß seine Stimme bei den anderen galt. Sein Alter schätzte ich auf etwa fünfzig Jahre. Er hatte kluge, schwarze Augen und sein Gesicht wie sein Sprechen ließen Bildung erkennen; man durfte sich nur nicht an seinem struppigen Borsten- gesicht und der schlechten Kleidung stoßen. Er trug eine schäbige rote Strickweste, keinen Kragen und paßte mit allem, was er anhatte, in diese erbärmliche Umgebung hier. 2
„Ich habe Zwiebelsamen verschoben“, sagte er freimütig. Und er nannte mir eine bekannte Firma, bei der er angestellt war.„Mein Chef hat es im Großen gemacht, ich im Kleinen. Ihn ließ man laufen, weil er sich-heraus- reden konnte, mich hat man zweieinhalb Jahre als Kriegsverbrecher ins Ge- fängnis gesteckt; denn Zwiebelsamen ist bewirtschaftet.“
„Sie haben Ihre Gefängnisstrafe also schon abgesessen?“
»Jja=:
„Und? Warum werden: Sie nicht entlassen?“
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