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eine Nervenbelastung, die schon manches Menschenleben aus seiner Bahn geschleudert hat.

Jedoch 1939-40 erlebten wir hier eine Aktion, die ganz von den bisherigen abwich. Ein SS- Arzt, Wagner, war hier auf den Plan getreten. Eines Tages wurden sämtliche Häftlinge mit Tätowierungen zu ihm in den Häftlingskrankenbau bestellt. Er besichtigte und befragte sie nach dem Grund ihrer Tätowierungen. Besonders schöne wurden fotografiert. Die Personalien genau no­tiert. Dies alles sollte angeblich die Grundlage zu einer Doktorarbeit des SS - Arztes Wagner darstellen. Natürlich waren diese Arbeiten auch ein Diskussionsthema der SS - Führer und deren Frauen.

Die Frauen hörten im Laufe der Unterhaltungen und sahen es dann auch auf den Fotografien, daß es im Lager Häftlinge gab, die wahre Kunstarbeiten auf ihrem Körper spazieren trugen. Auch besondere Originalitäten reizten sie sehr. Und so wurde bei einigen, insbesondere bei Frau Koch , der Frau des Lagerkommandanten SS- Standarten­führer Koch, der Wunsch geweckt, so etwas ihr eigen zu nennen. Sie konnte sich nun einmal nicht damit ab­finden, daß andere etwas aufzuweisen hatten, was sie nicht besaß. Nicht etwa, daß sie eventuell auf die absurde Idee gekommen wäre, sich ebenfalls tätowieren zu lassen, nein, da müßte es noch andere Wege geben. Schließlich fand man auch diese Wege!

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1940 an einem herrlichen, sonnigen Tage ertönte auf einmal durch die Lautsprecher aller Blocks der Ruf: ,, Nr. 3914, Jupp Collinet, hat sich sofort beim Lagerarzt zu melden." Zur damaligen Zeit war ich Blockältester von Block 45, dessen Belegschaft nur aus BV.ern, also aus ,, Grünen", bestand. Ich selbst war der einzige Politische. Dieser Belegschaft gehörte auch Joseph Collinet an, er war bei mir im Stubendienst. Dadurch hatte ich Gelegen­heit, ihn näher kennenzulernen. Er war ein großer, statt­licher, sehr kräftiger Mensch, stammte aus Aachen und besaß mehrere Bordelle. Die offizielle Besitzerin war 5 Barthel, Ohne Erbarmen

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