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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Überzeugung immer ganz links, doch betätigte ich mich vor 1933 politisch sehr wenig, wenn ich auch manchmal öffentlich gegen den Nationalsozialismus heftig Stellung nahm. Ich war mehr kulturell als politisch interessiert. Ich schrieb absolut unpolitische, schöngeistige Bücher, interessierte mich für alle geistigen und ethischen Bestrebungen der Zeit und fühlte mich in den Bereichen der Kunst, der Musik, des Theaters und der Bücher zu Hause. Einen solchen Menschen auch nur anzurühren, wäre vor 1933 eine Ungeheuerlichkeit ge­wesen. Nach der sogenannten Machtübernahme wurde ich eines Morgens aus dem Bett herausgeholt, auf das Rathaus gebracht, von SS- Leuten beschimpft und angeschrien. Menschen, die Goethe und Schiller kaum dem Namen nach kannten, die von Kunst, Literatur und Wissenschaft keine blasse Ahnung haben, die nichts von mir gelesen hatten, nannten mich einen Kulturbolsche­wisten, behandelten mich in einer Weise, die mir heute noch die Schamröte ins Gesicht treibt. Von meiner etwa fünfhundert Bände umfassenden Bücherei hatten sie den größten Teil ausgeräumt und mitgenommen, fast lauter un­politische Werke anerkannter Dichter der Weltliteratur. Ich wurde in einen Lastwagen gestoßen und nach Freudenstadt ins Gefängnis abtransportiert. Nach drei Wochen kam ich auf den Heuberg. Dort wurde bei Neuankömm­lingen jedesmal Empfang" gefeiert. Wir wurden unter Prügeln und Fuẞtritten auf dem großen Hof herumgejagt, mindestens zwanzigmal die Treppen des großen Unterkunftshauses hinauf- und hinuntergehetzt. Endlich mußten wir in ein Zimmer mit Kommißbetten hinein. Dort ging es war spät abends. der Tanz von neuem los. Die Wachleute gröhlten wie die Wilden, warfen mit allen möglichen Gegenständen nach uns, so daß verschiedene verletzt wurden und anderntags ins Revier mußten. Einer verlor durch einen unglücklichen Treffer mit einem Schemel linksseitig das Gehör. Ich hatte einige Hautabschür­fungen und Würgemale davongetragen. Am andern Tag wurden wir dem Arzt vorgeführt. Er fragte jeden, woher er die Verletzungen habe. Dabei grinste er hämisch. Denn er wußte, daß sie alle durch eigenes Verschulden" entstanden waren. Man hatte uns vorher gesagt, es werde uns schlecht ergehen, wenn wir wahrheitsgemäß aussagen würden. Es waren schon Leute deswegen nachher halbtot geprügelt worden. Auch hätte es keinen Wert gehabt, Tatsachen zu berichten. Der Arzt war eine ganz gemeine Nazikreatur, der gern jedem Wink von oben folgte, die Gefangenen ,, sachgemäß" zu behandeln.

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