Druckschrift 
Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
Seite
255
Einzelbild herunterladen

Deines Mundes und Deiner Feder hätten tun können. Das gab mir innerlich immer neuen Antrieb und Lust zur Arbeit. Ich hatte allmählich beim Schreiben das Gefühl, ganz Du zu sein; der Mann, der diesen ungewöhnlichen Schicksals­weg hinter sich hatte, dem es bestimmt war, das Paradies sowohl wie auch die Hölle zu durchschreiten.

Du gehörst zu den Menschen, denen es als Mitgift in den Weg gelegt wird, daß überall, wohin sie gehen, Bewegtheit, Erlebnis und Lebensfülle ist. Auf Schritt und Tritt gestalten sich ihnen neue Ereignisse, überall ist Buntheit, Be­sonderheit und die Unmittelbarkeit des Daseins. Wo sie sind, ist es immer interessant, ist immer Spannung. Nirgends ist Leere und Öde, ungestaltetes Leben wie im Spießertum. Gefahren ringsum, aber auch die großen Reize und Spannungen, die das gewöhnliche Dasein nicht bietet.

Unvergessen wird mir alles bleiben, was dem Buch zum Werden und uns zur Freundschaft verhalf: die Gespräche in langen Stunden, das Hingegeben­sein an die Wiedererstehung des Vergangenen in der Erinnerung und im Bericht, die Spaziergänge in der herbstlichen Dämmerung durch Wald und Wiesen.

Und dann die Erinnerung an die Wirklichkeit der Nazihölle, deren Greuel und Schrecken ich mit Dir um so mehr empfinden konnte, als ich einen Vor­geschmack davon aus eigenem Erleben erhielt. Ich selbst war politischer Häft­ling in den Jahren 1933/34 gewesen und habe damals schon die Willkür, die Gemeinheit und Brutalität der Naziverbrecher am eigenen Leibe verspürt, war Zeuge von Schandtaten und Bestialitäten.

Diese Gleichartigkeit des Erlebens und Erleidens verstärkte unsere freund­schaftliche Bindung. Ich ergänzte Deine Berichte durch meine Erlebnisse in den Konzentrationslagern Heuberg und Kuhberg.

Allerorts hört man sagen, daß es ja anfangs ,, noch nicht so schlimm" gewesen sei. Nun, uns hat es auch damals schon gereicht. Meinem schlimmsten Feind, wenn ich einen hätte, würde ich nicht wünschen, das zu erdulden, was wir dort durchgemacht haben. Man vergegenwärtige sich auch, daß man 1933 aus einer Zeit kam, in der Menschenrecht noch etwas galt. Man konnte es kaum fassen, daß ein Mensch vogelfrei war, daß man ihn ohne wirklichen Anlaß, ohne Gerichtsverfahren einsperren durfte. Ich stand zwar in meiner politischen

255